Sonntag, 30. Mai 2010

Coffee Estate

Urspruenglich hatte ich fuer die letzte Maiwoche Urlaub genommen. Ich wollte in meiner letzten Woche hier in den Norden nach Delhi bzw. Agra und zum Taj Mahal fliegen. Leider hat das irgendwie alles nicht geklappt und ich hatte, da ich keine Lust hatte hier nur so herumzuhaengen, meiner Chefin gesagt, dass ich trotz des Urlaub arbeiten kommen wuerde. Auf der Feier meiner Chefin, die am Samstag stattfand, lud mich jedoch R., eine alte Freundin meiner Chefin auf ihr Coffee Estate ein. Meine Chefin hatte nichts dagegen, da ich ja sowieso Urlaub hatte, und ich freute mich sehr. Ich habe zwar in Madikeri schon etwas von den Kaffeeplantagen mitbekommen, auf einem solchen Estate ein paar Tage zu verbringen ist jedoch noch einmal etwas anderes. R.und ihr Mann D. haben sich, nachdem sie einen grossen Teil ihres Lebens in Kuwait verbacht haben, nach ihrer Rueckkehr einen Traum erfuellt und sich ein kleines Coffee Estate gekauft. D. wohnt dort die ganze Woche, R. pendelt wegen ihrer Kinder, die in Bangalore wohnen hin und her. Wir haben Montags morgens den Bus um halb sieben genommen und uns auf die 5-stuendige Fahrt begeben. Es war eine Busfahrt wie alle Busfahrten in den oeffentlichen Bussen sind- laut und warm. Sehr warm. Da einige andere Busse eine Panne hatten sind wir Umwege gefahren um deren Fahrgaeste auch noch einzusammeln, dahier zog sich die Fahrt etwas in die Laenge. Die Bustuer war, wie immer, die ganze Fahrt ueber offen. Der Ticketverkaeufer hat den gesamten Muell, der sich im Bus so ansammelte waehrend der Fahrt einfach hinausgeworfen. Das geht mir hier echt auf die Nerven. Es ist ein so schoenes Land, warum versauen die Inder ihr eigenes Land so sehr? Mein Haus ist sauber, oder in diesem Fall mein Bus ist sauber, alles andere interessiert nicht. Ich finde das wirklich furchtbar. Der Muell verdirbt nicht nur den Anblick sondern ist fuer die Umwelt eine totale Katastrophe. Mich wundert es etwas, dass es hier ueberhaupt noch intakte Natur gibt. Wenn da nicht bald ein Umdenken stattfindet, dann wird dieses Land total im Dreck versinken. Ich habe mal einen Inder gefragt was er davon haelt- er meinte nur, ach, die Leute sind daran gewoehnt. Na bravo.

Nach sechs Stunden erreichten wir endlich unser Ziel und wurden von D. und dem Labrador Zorro mit dem Minivan abgeholt. Das Coffee Estate ist ein Traum. Obwohl es nur ein kleines Estate ist, ist es ein riesiges Waldgebiet. Unter den Baeumen wachsen die Kaffeepflanzen, Arabica und Robusta. An den Baeumen waechst Pfeffer, zwischen den Kaffeepflanzen wachsen Kardamom und Jackfruit, Bananen, Pomelos, Nuesse und Unkraut.



(Kaffee, Kaffee, Kaffee)

Die beiden Besitzer und ihr Hund wohnen im Haupthaus, auf dem Anwesen leben noch 3 ehemalige Strassenhunde, die dort jetzt einen Job als Wachhunde haben. Seit man fuer den Verkauf von Kaffee keine Lizenz mehr braucht sind die Diebstaehle, wenn der Kaffee auf dem Drying Yard trocknet, extrem angestiegen. Glueck fuer Kariha, Rani und Panda, sie haben jetzt ein Zuhause und einen Job :-)



(Das Haupthaus)

Auch der Fahrer der beiden mitsamt Frau und Kind, sowie die Plantagenarbeiter leben in eigenen Haeuschen auf dem Anwesen. Ich bin nie in den Suedstaaten der USA gewesen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es dort vor einigen Jahren genauso war. Die Abweichung besteht darin, dass die Plantagenarbeiter bezahlt werden. Die Bezahlung ist gruselig schlecht. Das liegt nicht daran, dass D. und R. besonders geizig sind, die Bezahlung ist dort einfach so. D. und R. gewaehren ihren Arbeitern zinsfreie Darlehen fuer Sonderanlaesse wie Krankheiten und Hochzeiten, sie lassen sie kostenfrei wohnen und auch Strom und Wasser muss nicht bezahlt werden. Ich glaube damit tun sie schon mehr als manche anderen. Trotzdem- auch wenn man die Waehrungen hier in einem anderen Verhaeltnis sehen muss, sind 1,60 Euro pro Tag sehr wenig. Kein Wunder, dass ‚wir‘ hier alle als superreich gelten. Ja, verglichen damit bin ich superreich. Zumindest wenn ich mit meinem Einkommen in Indien dauerhaft leben wuerde... Dass bei uns die Ausgaben viel hoeher sind, das ahnt kaum jemand- wie denn auch. Die Leute sehen immer nur gutgekleidete Auslaender, die mit Geld um sich werfen, sich ausnehmen lassen, halbaufgerauchte Zigaretten wegwerfen und Alkohol trinken. Da ist es noch nur klar, dass wir alle den gelobten Laendern entspringen und damit bevorzugtes Objekt zum Anbetteln sind. Und dann sind da ja auch noch die, die so wie ich den Kindern immer Kekse schenken und den alten Bettlern gleich 10 Rupien geben. Viel zu viel in den Augen derer die hier leben. Aber viel zu wenig vergleichen mit dem, was ich in Deutschland den Bettlern gebe.
Wie auch immer, den Montag verbrachten wir damit ueber das Estate zu wandern und ich liess mir die Pflanzen erklaeren. Ich kenne jetzt den Unterschied zwischen gruenem, weissem, rotem und schwarzem Pfeffer (es gibt keinen, es haengt vom Reifegrad und der Behandlung ab) und weiss ungefaehr, was ein Sack mit 50 Kilo Kaffeebohnen beim Verkauf bringt. Das Gute hier ist, dass man voellig offen ueber Geld und aehnliches sprechen kann. Zwar ist es immer wieder ungewohnt direkt nach so privaten Dingen gefragt zu werden, aber im Gegenzug darf man selber auch ungehemmt nachfragen. Zumindest wenn man die Leute kennt. Die Abende verbrachten wir damit Wodka zu trinken und uns zu unterhalten. R. und D. haben die etwas anstrengende Angewohnheit immer gleichzeitig zu sprechen und je nach Alkoholkonsum auch immer lauter zu werden. Wenn ich dann nach etwas gefragt wurde, zum Beispiel wogegen ich mich habe impfen lassen, dann wurde meine Antwort angezweifelt oder hat extreme Diskussionen zwischen den beiden ausgeloest. D. und R. sind sehr gebildete Menschen, sie haben mir viel erklaert und viel gezeigt, sie haben beide schon einiges im Leben gesehen. Aber ich finde es trotzdem anstrengend, wenn ich mich andauernd rechtfertigen muss und staendig zwei Menschen gleichzeitig zuhoeren muss... Aber trotzdem waren sie unglaublich freundliche Gastgeber, die mir die 3 ruhigsten Tage hier in Indien ermoeglicht haben. Auf dem Estate hoert man kein Auto, es herrscht die totale Stille, von den Geraeuschen der Natur einmal abgesehen. Ein traumhft schoenes kleines Paradies!
Sehr ungewohnt war nur die Dusche. Durch ein Feuer an der Aussenwand des Hauses wird Wasser in einem Tank erwaermt aus dem man das heisse Wasser schoepfen kann. Dieses mischt man dann mit kaltem Waser aus dem Kran in einem grossen Eimer. Und damit uebergiesst man sich dann mit einem kleinen Schoepfgefaess. Fuer mich war das sehr ungewohnt, aber es funktioniert ganz prima.
Dienstag waren wir bei der Bank, da Mittwochs Zahltag ist. Die Arbeiter werden woechentlich bezahlt, je nach Anwesenheit. Krankengeld oder aehnliches gibt es nicht, ebenso wenig wie bezahlten Urlaub. Danach fuhren wir kurz zu einem mittelgrossen Estate, wo mir voller Stolz das Haus gezeigt wurde.
Mittwoch sind R. und ich dann von dem Fahrer nach Belur gefahren worden um einen Tempel zu besichtigen. Die Fahrt dahin war sehr spannend. Wir sind mit dem Jeep gefahren und ich durfte vorne sitzen. Die Strassen sind zum Teil aus Sand und durch die Traktoren und den Regen in Zustaenden, bei denen ich bezweifete da ueberhaupt mit einem KFZ durchzukommen. Ich haette ja ein Pferd bevorzugt. Aber der Jeep war dieser Aufgabe gewachsen und wir brausten in halsbrecherischer Geschwindigkeit ueber die Buckelpisten. Ich betrachtete waehrend der Fahrt etwas nachdenklich die anstelle eines Handschuhfaches angebrachte Haltestange aus Metall. Ich bin nicht uebervorsichtig, aber ich ueberlegte mir, dass bei einer Kollision, mangels eines Anschnallgurtes diese Stange ein ernstzunehmender Gegner waere. Aber wir kamen heile an, der Fahrer kennt das Fahrzeug und seine Moeglichkeiten.



(Filigrane Handarbeit in der Tempelanlage von Belur)

Nach dem Tempel besuchten wir ein grosses Estate, wo wir zum Mittagessen eingeladen waren. Dort empfand ich es als noch viel suedstaatenmaessiger. Eine schweigsame Maid half beim kochen und servierte das Essen, waehrend wir sehr stilvoll in einer Villa sassen, die Marmorboeden hatte und in den Badezimmern sogar Badewannen (!). Dass ich kein Bier trinken wollte wurde mir uebel genommen, ich sei schliesslich Deutsche. Also gab ich nach und trank mittags schon mit dem Hausherrn Bier. Danach zeigte er mir noch seine Vanillepflanzen und von weitem die Baustelle, wo er seinen Arbeitern erlaubt sich Haeuser nach ihren Vorstellungen zu bauen.



(Vanille)

Nachmittags fuhren wir wieder in das Estate von R. und D. wo ich dann der Bezahlung der Arbeiter beiwohnte. Auf der Fahrt dahin habe ich das Ekeligste gesehen, was ich je in meinem Leben sah. Ein toter Baum am Strassenrand war gaenzlich mit Spinnenweben ueberzogen.



(*Schauder*)

Fuer mich als Arachnophobikerin ein gruseliger Anblick. Ich habe mich nicht getraut auszusteigen und das zu fotografieren. R., die sich daruber totlachte erledigte das dann fuer mich. Abends gingen wir frueh schlafen, da wir um sechs Uhr am Donnerstag morgen alle zusammen mit dem Van nach Bangalore fahren wollten. D. kam auch mit, dahier wurden Sack und Pack und Hund in den Van verfrachtet. Nach 250 km und 6 Stunden Fahrt kamen wir an, wobei wir die letzten 2 Stunden nur den Stadtverkehr von Bangalore durchquerten. Ich habe nun einen einseitigen Sonnenbrand auf dem linken Arm, was etwas albern aussieht, aber dafuer durfte ich dank der grosszuegigen Gastfreundschaft von R. und D. tatsaechlich einge ruhige Tage verbringen. Danke!

Pizza, Wodka und ein frueher Sonntag

Ab Freitag den 21.5. war ich in gewisser Hinsicht im Freizeitstress. Eine Freundin und ich hatten uns verabredet und da ich ein klein wenig Grund zum feiern hatte, haben wir standesgemaess mit Pizza und Eiscreme eine Nacht lang durchgequatscht. Samstag habe ich dann erst einmal ausgeschlafen, da ich abends bei meiner Chefin eingeladen war. Noch bevor ich mich wirklich fertig machen konnte, stand ploetzlich ihr Mann vor der Tuer und fragte mich, ob ich spontan mit zu der Reception einer Hochzeit wolle. Mir bleib weder Zeit zu ueberlegen, noch mich umzuziehen, daher musste ich leider in Jeans und T-Shirt, also etwas underdressed auf der Hochzeit auftauchen.



(Der Eingang)

Die Reception bestand im Wesentlichen darin, dass alle Gaeste in einem riesigen Saal sassen und auf den Einmarsch des Hochzeitspaares warteten. Kurz bevor es soweit war, filel der Strom aus. Die Generatoren brauchten einige Zeit um anzulaufen. In der Dunkelheit, die hier so alltaeglich ist, dass nicht einmal die gespraeche unterbrochen werden, schlich sich ein kleines Maedchen an mich heran und rieb schnell mit ihrem Zeigefinger ueber meinen Oberarm. Ich glaube sie wollte testen ob die Farbe abgeht... Als das Licht wiederkam blickte sie kurz auf ihren Finger und rannte dann schnell weg. Ueberhaupt guckten die Kinder mehr auf mich als auf auf alle anderen. Die Hochzeit fand zwischen Leuten statt, die nicht besonders viel Geld verdienen. Ich nehme daher an, dass die meisten der Kinder noch keine Auslaenderin aus so kurzer Entfernung gesehen haben. Weiterhin warteten alle auf den Einmarsch des Paares. Als dieser dann geschah war ein professionelles Kamerateam zugegen und nahm den Einmarsch und die Gaeste im Close-up auf. Dann fand auf der Buehne, die sich an der Stirnseite des langen Saales befand, eine Fotosession des Paares statt. Ich koennte mich immer wieder darueber amuesieren, wie todernst Inder auf Fotos gucken. Das Paar posierte ernst und feierlich, und die von dem Team geschossenen Bilder wurden dann mit kitschig bunten Untermalungen wie zum Beispiel heranfliegenden Diamanten und Regenboegen auf die grossen Flachbildschirme uebertragen die im Saal verteilt standen. Ich freute mich fuer das Brautpaar, ich kenne den Braeutigam und hoffe sehr, dass es den beiden gut gehen wird. Ich wuensche von Herzen alles Gute! Nach dem Einzelshooting mit dem Paar, wurden saemtliche Gaeste nacheinander auf die Buehne gebeten und posierten dann ebenfalls mit dem Paar. Mein underdressed Outfit tat mir sehr leid, allerdings scheint es die anderen nicht gestoert zu haben. Nach den Fotos sind die Gaeste dann nacheinander in die Etage des Gebaeudes gelaufen, in welcher das Essen statt fand. Es gab traditionelles Essen auf Bananenblaettern und als kleine Aufmerksamkeit des Brautpaares eine Kokosnuss als Geschenk.



(Essen auf Bananenblaettern)

Ich habe diese dann meiner Chefin geschenkt. Nach dem Essen sind wir dann recht schnell verschwunden, da meine Chefin und ihr Mann selber etwas zu feiern hatten. Auch dort war ich eingeladen.
Zu Hause warteten schon ihre ersten Gaeste, in Empfang genommen von der Tochter. In dieser Familie werden bei Feierlichkeiten immer auch die Freunde der Kinder mit eingeladen, weshalb die ganze Feier sehr gross, nett und alkohollastig wurde. Es war nicht die erste Feier dieser Art an der ich teilnehmen durfte- es hat viel Spass gemacht. Nachts um zwei habe ich mich mit I. unterhalten, und wir stellten fest, dass wir das gleiche Hobby betreiben. I. ist Student der Tiermedizin und in seiner Freizeit reitet er und gibt Reitunterricht. Sonntags morgens um sechs wollte er sich von einem Fahrer abholen lassen um dann um sieben Uhr die erste Sonntagsreitstunde zu geben. Er lud mich ein dabei zu sein und ich folgte der Einladung gerne. Nach einer wiederum sehr kurzen Nacht sind wir dann in aller Fruehe zur Riding School gefahren. Ich war so neugierig wie eine indische Reitschule aussieht. Ich war schwer beeindruckt. Das Gelaende ist traumhaft, es werden dort Rennpferde und Reitpferde fuer den grossen Sport trainiert. Ich glaube aber, dass es eine Anlage in der Qualitaet nicht all zu oft gibt. Sollte die indische Nationalmannschaft der Springreiter die Qualifikation fuer die Olympiade schaffen, dann kann ich sagen, dass ich zwei davon habe trainieren sehen... Wirklich sehr beeindruckend, grossartige, gepflegte Pferde, eine tolle Anlage und viele Angestellte, die eine ganz wunderbare Einstellung zum Pferd haben. Am lustigsten fand ich, dass auf einem grossen Rondell, um welches rundherum die offenen Pferdeboxen stehen, ein grosser Stofftiger liegt. Als ich nach seinem Sinn fragte, wurde mir erklaert, dass er die Affen abhalten soll das Pferdefutter zu stehlen. Offenbar funktioniert das- ich dachte nicht, dass Affen so dumm sind. :-))
Mittag irgendwann war ich dann wieder zu Hause und schlief erst einmal.
Am naechsten Morgen um sechs Uhr sollte ich schon wieder die Stadt verlassen- ich brauchte vorher dringend etwas Ruhe.