Nach sechs Stunden erreichten wir endlich unser Ziel und wurden von D. und dem Labrador Zorro mit dem Minivan abgeholt. Das Coffee Estate ist ein Traum. Obwohl es nur ein kleines Estate ist, ist es ein riesiges Waldgebiet. Unter den Baeumen wachsen die Kaffeepflanzen, Arabica und Robusta. An den Baeumen waechst Pfeffer, zwischen den Kaffeepflanzen wachsen Kardamom und Jackfruit, Bananen, Pomelos, Nuesse und Unkraut.
(Kaffee, Kaffee, Kaffee)
Die beiden Besitzer und ihr Hund wohnen im Haupthaus, auf dem Anwesen leben noch 3 ehemalige Strassenhunde, die dort jetzt einen Job als Wachhunde haben. Seit man fuer den Verkauf von Kaffee keine Lizenz mehr braucht sind die Diebstaehle, wenn der Kaffee auf dem Drying Yard trocknet, extrem angestiegen. Glueck fuer Kariha, Rani und Panda, sie haben jetzt ein Zuhause und einen Job :-)
(Das Haupthaus)
Auch der Fahrer der beiden mitsamt Frau und Kind, sowie die Plantagenarbeiter leben in eigenen Haeuschen auf dem Anwesen. Ich bin nie in den Suedstaaten der USA gewesen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es dort vor einigen Jahren genauso war. Die Abweichung besteht darin, dass die Plantagenarbeiter bezahlt werden. Die Bezahlung ist gruselig schlecht. Das liegt nicht daran, dass D. und R. besonders geizig sind, die Bezahlung ist dort einfach so. D. und R. gewaehren ihren Arbeitern zinsfreie Darlehen fuer Sonderanlaesse wie Krankheiten und Hochzeiten, sie lassen sie kostenfrei wohnen und auch Strom und Wasser muss nicht bezahlt werden. Ich glaube damit tun sie schon mehr als manche anderen. Trotzdem- auch wenn man die Waehrungen hier in einem anderen Verhaeltnis sehen muss, sind 1,60 Euro pro Tag sehr wenig. Kein Wunder, dass ‚wir‘ hier alle als superreich gelten. Ja, verglichen damit bin ich superreich. Zumindest wenn ich mit meinem Einkommen in Indien dauerhaft leben wuerde... Dass bei uns die Ausgaben viel hoeher sind, das ahnt kaum jemand- wie denn auch. Die Leute sehen immer nur gutgekleidete Auslaender, die mit Geld um sich werfen, sich ausnehmen lassen, halbaufgerauchte Zigaretten wegwerfen und Alkohol trinken. Da ist es noch nur klar, dass wir alle den gelobten Laendern entspringen und damit bevorzugtes Objekt zum Anbetteln sind. Und dann sind da ja auch noch die, die so wie ich den Kindern immer Kekse schenken und den alten Bettlern gleich 10 Rupien geben. Viel zu viel in den Augen derer die hier leben. Aber viel zu wenig vergleichen mit dem, was ich in Deutschland den Bettlern gebe.
Wie auch immer, den Montag verbrachten wir damit ueber das Estate zu wandern und ich liess mir die Pflanzen erklaeren. Ich kenne jetzt den Unterschied zwischen gruenem, weissem, rotem und schwarzem Pfeffer (es gibt keinen, es haengt vom Reifegrad und der Behandlung ab) und weiss ungefaehr, was ein Sack mit 50 Kilo Kaffeebohnen beim Verkauf bringt. Das Gute hier ist, dass man voellig offen ueber Geld und aehnliches sprechen kann. Zwar ist es immer wieder ungewohnt direkt nach so privaten Dingen gefragt zu werden, aber im Gegenzug darf man selber auch ungehemmt nachfragen. Zumindest wenn man die Leute kennt. Die Abende verbrachten wir damit Wodka zu trinken und uns zu unterhalten. R. und D. haben die etwas anstrengende Angewohnheit immer gleichzeitig zu sprechen und je nach Alkoholkonsum auch immer lauter zu werden. Wenn ich dann nach etwas gefragt wurde, zum Beispiel wogegen ich mich habe impfen lassen, dann wurde meine Antwort angezweifelt oder hat extreme Diskussionen zwischen den beiden ausgeloest. D. und R. sind sehr gebildete Menschen, sie haben mir viel erklaert und viel gezeigt, sie haben beide schon einiges im Leben gesehen. Aber ich finde es trotzdem anstrengend, wenn ich mich andauernd rechtfertigen muss und staendig zwei Menschen gleichzeitig zuhoeren muss... Aber trotzdem waren sie unglaublich freundliche Gastgeber, die mir die 3 ruhigsten Tage hier in Indien ermoeglicht haben. Auf dem Estate hoert man kein Auto, es herrscht die totale Stille, von den Geraeuschen der Natur einmal abgesehen. Ein traumhft schoenes kleines Paradies!
Sehr ungewohnt war nur die Dusche. Durch ein Feuer an der Aussenwand des Hauses wird Wasser in einem Tank erwaermt aus dem man das heisse Wasser schoepfen kann. Dieses mischt man dann mit kaltem Waser aus dem Kran in einem grossen Eimer. Und damit uebergiesst man sich dann mit einem kleinen Schoepfgefaess. Fuer mich war das sehr ungewohnt, aber es funktioniert ganz prima.
Dienstag waren wir bei der Bank, da Mittwochs Zahltag ist. Die Arbeiter werden woechentlich bezahlt, je nach Anwesenheit. Krankengeld oder aehnliches gibt es nicht, ebenso wenig wie bezahlten Urlaub. Danach fuhren wir kurz zu einem mittelgrossen Estate, wo mir voller Stolz das Haus gezeigt wurde.
Mittwoch sind R. und ich dann von dem Fahrer nach Belur gefahren worden um einen Tempel zu besichtigen. Die Fahrt dahin war sehr spannend. Wir sind mit dem Jeep gefahren und ich durfte vorne sitzen. Die Strassen sind zum Teil aus Sand und durch die Traktoren und den Regen in Zustaenden, bei denen ich bezweifete da ueberhaupt mit einem KFZ durchzukommen. Ich haette ja ein Pferd bevorzugt. Aber der Jeep war dieser Aufgabe gewachsen und wir brausten in halsbrecherischer Geschwindigkeit ueber die Buckelpisten. Ich betrachtete waehrend der Fahrt etwas nachdenklich die anstelle eines Handschuhfaches angebrachte Haltestange aus Metall. Ich bin nicht uebervorsichtig, aber ich ueberlegte mir, dass bei einer Kollision, mangels eines Anschnallgurtes diese Stange ein ernstzunehmender Gegner waere. Aber wir kamen heile an, der Fahrer kennt das Fahrzeug und seine Moeglichkeiten.
(Filigrane Handarbeit in der Tempelanlage von Belur)
Nach dem Tempel besuchten wir ein grosses Estate, wo wir zum Mittagessen eingeladen waren. Dort empfand ich es als noch viel suedstaatenmaessiger. Eine schweigsame Maid half beim kochen und servierte das Essen, waehrend wir sehr stilvoll in einer Villa sassen, die Marmorboeden hatte und in den Badezimmern sogar Badewannen (!). Dass ich kein Bier trinken wollte wurde mir uebel genommen, ich sei schliesslich Deutsche. Also gab ich nach und trank mittags schon mit dem Hausherrn Bier. Danach zeigte er mir noch seine Vanillepflanzen und von weitem die Baustelle, wo er seinen Arbeitern erlaubt sich Haeuser nach ihren Vorstellungen zu bauen.
(Vanille)
Nachmittags fuhren wir wieder in das Estate von R. und D. wo ich dann der Bezahlung der Arbeiter beiwohnte. Auf der Fahrt dahin habe ich das Ekeligste gesehen, was ich je in meinem Leben sah. Ein toter Baum am Strassenrand war gaenzlich mit Spinnenweben ueberzogen.
(*Schauder*)
Fuer mich als Arachnophobikerin ein gruseliger Anblick. Ich habe mich nicht getraut auszusteigen und das zu fotografieren. R., die sich daruber totlachte erledigte das dann fuer mich. Abends gingen wir frueh schlafen, da wir um sechs Uhr am Donnerstag morgen alle zusammen mit dem Van nach Bangalore fahren wollten. D. kam auch mit, dahier wurden Sack und Pack und Hund in den Van verfrachtet. Nach 250 km und 6 Stunden Fahrt kamen wir an, wobei wir die letzten 2 Stunden nur den Stadtverkehr von Bangalore durchquerten. Ich habe nun einen einseitigen Sonnenbrand auf dem linken Arm, was etwas albern aussieht, aber dafuer durfte ich dank der grosszuegigen Gastfreundschaft von R. und D. tatsaechlich einge ruhige Tage verbringen. Danke!
