Donnerstag, 22. April 2010

Glitzer, Bommel und ein alter Mann

Der Praktikant bei uns im Buero hat mich heute gefragt, ob ich mich schon auf zu Hause freue. Heute bin ich genau 8 Wochen hier und kann ueberhaupt nicht fassen wo die Zeit hin ist. In genau 6 Wochen bin ich schon seit gestern wieder zu Hause.
Ob ich mich auf zu Hause freue?
Ich freue mich auf meine Familie, meinen Freund und meine Freunde. Und auf mein Leben zu Hause, welches so ganz anders ist als hier. Ich vermisse meine Katze. Und noch ein paar Kleinigkeiten wie gescheiten Kaffee zum Beispiel. Hier wird Kaffee angebaut, aber man bekommt immer nur Nescafe zu trinken. Ich kann das Zeug nicht mehr sehen. Wenn ich nicht so auf Koffein angewiesen waere, dann wuerde ich nur noch Tee trinken. Schmeckt besser.
Aber was lasse ich hinter mir wenn ich wieder nach Deutschland fliege? Ich tausche dann ein kunterbuntes gegen ein trist einheitsfarbenes Land ein. Hier bluehen bunte Baeume in den verschiedensten Farben, kein Sari hat die Farbe eines anderen, sogar die Haeuser sind bunt. Sehr witzig finde ich ja auch den Hang der Inder zum Kitsch. Besonders deutlich wird das bei den Fahrzeugen hier. Die Reisebusse haben alle ueber dem Fahrersitz einen kleinen Schrein installiert. Da sitzt dann eine hoelzerne Abbildung einer Gottheit und wird vor Fahrtantritt teilweise von einem waschechten Brahmanen mit Feuer und Gloeckchen und Raeucherstaebchen um eine sichere Fahrt gebeten. Was auch dringend noetig ist bei der Fahrweise der Busfahrer. Dann haengen an dem Schrein Blumenketten und Licherketten die teilweise recht hektisch blinken. In bunt. Man wird ganz tueddelig wenn man da laenger hinsieht. Super finde ich ja auch die LKW hier. Ich glaube LKW-Fahrer in Indien ist kein schoener Job. Dafuer gestalten die Leute die LKW umso schoener. Rund ums Fahrerhaeuschen gibt es kleine hoelzerne Balustraden, oft in rot. Jeder LKW faehrt mit einem gross geschriebenen Namen ueber der Windschutzscheibe herum, ob das Goetternamen oder die der Fahrer oder von den LKW sind, dass weiss ich nicht. Ueberall an den Fahrerhaeuschen haengen bunte Bommel oder Zitronenscheiben mit Chilischoten dran. Einfach nur so, weils huebsch ist :-) Und wahrscheinlich bringt es auch Glueck.
Auch Autos haben hier sehr oft am Kuehlergrill oder Seitenspiegel irgendetwas herumbaumeln, meistens bunte Bommel und Troddel. Am Rueckspiegel haengt auch schon mal eine Minilichterkette die blinkt und die Farben wechselt. 27 Mal. Aber am allertollsten sind die bunten Gluehbirnen die, natuerlich auch blinkend und die Farbe wechselnd, so ziemlich ueberall da am Fahrzeug sind, wo keine andere Lampe notwenig ist. Manchmal auch anstelle der Notwendigen. So als Scheinwerfer machen die sich auch ganz huebsch. Ineffektiv, aber huebsch. Sogar die Rikshas sind alle individuell gestaltet. Mit Glitzer und je nach Glauben des Fahrers auch mal mit Abziehbildern von Gottheiten auf der Scheibeund einem Raeucherstaebchen am Fahrersitz. Hm, und ich fahre ein dunkelblaues Auto. Einfach nur dunkelblau. Ich sollte einen bunten Bommel an den Kuehler haengen oder eine Zitronenscheibe mit Chilischote. Ist bestimmt auch gut gegen Marder. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass irgendein Trottel das abreissen wird...

Wenn ich nach Hause fliege, tausche ich wahnsinnig freundliche und hilfsbereite Menschen gegen ein Volk, welches sich eigentlich nicht um andere kuemmert.
Wenn man hier jemanden nach dem Weg fragt bekommt man IMMER eine Antwort. Zwar meistens nicht die richtige, denn ein Inder kennt das Wort ‚Nein‘ irgendwie nicht, aber irgendwie zaehlt ja der Gedanke. Also schickt man den armen Fragenden lieber in eine voellig verkehrte Richtung als zuzugeben, dass man den Weg nicht weiss. Achtundfuenfzigste Regel fuer Indien: Immer mindestens 5 Leute fragen und dann den Weg gehen, der die haeufigste Trefferquote hat. Dann hat man eine fast reelle Chance ans Ziel zu kommen. Angeblich seien die Sikhs diejenigen, die einem einen Weg am ehesten sagen koennen. Warum weiss ich nicht. Obs stimmt weiss ich auch nicht. Aber sie sind leicht zu erkennen. Die Sikhs tragen Turbane. Ich habe uebrigens herausgefunden, dass Sikhs beim Motorradfahren eine Sondererlaubnis fuer die Turbane haben und daher von der Helmpflicht befreit sind. Ich sage doch „Helm“ wird hier frei interpretiert.
Neulich, nachts, beim Rikshafahren sind wir an einem Unfall vorbeigekommen. Eine Frau war mit ihrem Motorrad umgefallen. Und ihr tat das Bein weh. Es war aber nicht so schlimm. Jeder, aber wirklich jeder Rikshafahrer hielt an. Nicht, dass man gross haette helfen koennen, aber sie haben zumindest eine grosse Anteilnahme gezeigt und die Frau konnte in Gesellschaft von 25 fachsimpelnden Leuten verschiedensten Alters und Glaubensrichtungen auf die Ambulanz warten. Das war doch irgendwie nett.

Wenn ich wieder nach Hause fliege, dann tausche ich ein Volk, welches immer strahlend oder auch mal schuechtern zurueck laechelt gegen ein Volk, welches auf Anlaecheln eher irritiert reagiert. Aber dafuer habe ich dann wieder die Freiheit in Traegertops Tampons zu kaufen ohne jemandem die Schamesroete ins Gesicht zu treiben.

Wenn ich wieder nach Deutschland fliege, dann bin ich wieder in einem Land in dem fast jeder irgendetwas zu meckern hat. (Ich kann das allerdings auch.) Man beschwert sich ueber alles. Zuwenig Freizeit, bloeder Job, zu wenig Geld. Irgendwas ist immer. Vor allem das Geld, also das, was grundsaetzlich immer zuwenig ist, spielt eine Riesenrolle. Meistens sind das Leute, die sich selber nicht aufraffen um an ihrer Situation irgendetwas zu aendern. Die haben mich immer schon genervt. Aber nun ist das glaube ich noch schlimmer geworden.
Denn hier, in diesem Land mit mehreren hundert Millionen (!) Arbeitslosen , die sich ohne staatliche Hilfe irgendwie durchschlagen muessen gibt es diese kleinen Geschichten. Die Geschichte von dem alten Mann an der Kreuzung zum Beispiel. Es gibt eine Strasse hier in Bangalore, die endet an einer T-Kreuzung. Ich komme morgens immer geradeaus darauf zugefahren. Und die kleine Strasse die nach rechts fuehrt ist die, die anscheinend jeder entlang muss. Das Dumme daran ist, dass es 1. gar keine offizielle Strasse ist, 2. geht es auch noch sehr steil runter, 3. ist das Ding einspurig und 4. gibt es Gegenverkehr. Man kommt da also angefahren und durch ein Gebaeude auf der rechten Ecke sieht man wirklich nichts. Und an jedem einzelnen Tag an dem die Sonne aufgeht steht dort an der Kreuzung ein alter Mann und regelt den Verkehr. Er ist weder Polizist noch wird er dafuer offiziell bezahlt. Ich weiss aus zuverlaessiger Quelle, dass er das schon seit ueber 4 Jahren macht. Damals muss er sehr schlimm ausgesehen haben- Alkohol, Arbeitslosigkeit und bittere Armut haben wohl sehr an ihm gezehrt. Und dann hat er beschlossen den Verkehr zu regeln. Und nun steht er da, an jedem verdammten Tag in der prallen Sonne, seit ueber 4 Jahren und lotst die Fahrzeuge durch die Engstelle. Und jeder tut was er sagt. Und „once in a while‘ stecken ihm die Fahrer etwas Geld zu. Und bei ungefaehr 2,1 Mio (!) Fahrzeugen in Bangalore von denen sehr viele durch diesen Engpass muessen, gibt es dann doch so viele „once in a whiles“, dass sich sein Engagement lohnt. Er traegt saubere Kleidung, wirkt gepflegtund gesund, hat in einem Rucksack immer Wasser und Essen dabei und laechelt jeden freundlich an. Jeden Morgen freue ich mich ihn zu sehen.
Ob ich mich auf zu Hause freue? Das ist keine Frage auf die man einfach so antworten kann. Ich vermisse einige und einiges, manche(s) sogar sehr, aber ich werde hier auch einige und einiges vermissen. Ich habe dieses Land irgendwie lieb gewonnen. Es sind grosse Geschichten hier, die mich erschrecken und sehr nachdenklich machen, was ja auch nicht unbedingt verkehrt ist. Und es sind die kleinen Geschichten und die bunten Bommel und das strahlende Laecheln der Menschen und die einen treu bei Strandspaziergaengen begleitenden Hunde und die einen Baum bewerfenden Andenkenverkaeufer die einem die erbeuteten Fruechte schenken und noch so vieles mehr, was dieses Land so zauberhaft macht.

Mittwoch, 21. April 2010

Geburstag in Gokarna

Donnerstag abend ging es los. Ich wollte meinen Geburtstag unbedingt am Meer verbringen, und da aus dem eigentlich geplanten Malediventrip nichts geworden ist haben wir ueberlegt stattdessen einen indischen Strand zu waehlen. Da ich nun schon einmal in Goa war und Anfang Mai noch mal dorthin fahre, wenn auch an einen anderen Ort, dachten wir, dass das als paradiesisch und ruhig beschriebene Gokarna ein gutes Ziel darstellt. Nach einer turbulenten Busfahrt, bei der ich festgestellt habe, dass die indischen Busfahrer die besten der Welt sind, sind wir in der Naehe des Om Beach ausgestiegen. Warum die indischen Busfahrer so gut sind? Weil ich es hoffe und ansonsten nachtraeglich Angst bekommen koennte :-)
Niemand sonst kann mit einem Bus voller zunaechst noch schlafender Menschen so rasant auf zwei Raedern schleudernd 2 Stunden lang durch die Serpentinen buegeln, dabei den linken Fuss neben dem Lenkrad parken und unbekuemmert pfeifend so entspannt sein. Ich war es nicht. Ich musste mich auf meiner Einerpritsche mit beiden Haenden festhalten um nicht andauernd gegen das Fenster geschleudert zu werden. Diese unsanfte Art geweckt zu werden ermoeglichte mir jedoch einen Blick auf den tiefen Urwald der langsam im daemmernden Morgenlicht auftauchte. Indien hat eine so unfassbar beeindruckende Natur, das habe ich vorher nicht erwartet. Schade, dass den Indern jegliches Umweltbewusstsein so fehlt. Mitten im Urwald ganz ploetzlich eine Minisiedlung. 3 Haeuser, frueh arbeitende und erntende Menschen, ein paar Hunde und Kuehe und am Ende der Minisiedlung, direkt am Neubeginn des Urwalds- ein Riesenhaufen Plastikflschen... Ich finde das sehr schade. Und ganz ploetzlich weiss ich das nun wirklich urdeutsche Einwegflaschenpfand zu schaetzen. Das ich das mal sagen wuerde haette ich auch nicht erwartet :-)
Nun, wir stiegen dann irgendwann aus und fuhren mit einer Riksha, die praktischerweise nicht mal ein Taxameter hatte, fuer einen sehr guenstigen (*hust) Festpreis zum Om Beach. Ich hatte ja schon mehrfach erwaehnt, dass hier alles sehr relativ ist. Und der Weg zum Om Beach, der, um den Fahrpreis zu rechtfertigen mit 8 km angegeben wurde war im Ergebnis dann etwa 2,5 km lang. Egal, ich bin morgens immer noch nicht in der Verfassung mich zu streiten und so nahmen wir es hin. Was mich dabei am meisten nervt ist, dass, kaum hat der Bus gehalten, die Rikshafahrer, egal wo man ist, IN den Bus kommen um den verschlafenen Fahrgaesten ihre Dienste anzubieten. Hm, braucht man in Bangalore dringend eine Riksha bekommt man keine, will man erstmal 5 Minuten durchatmen und wach werden, dann zieht man die Fahrer an wie Honig die Fliegen. Dann haben sie eben Pech wenn ich unhoeflich bin. Wenigstens aussteigen lassen koennten sie mich doch bitte bevor wir in wilde und meistens sinnlose Preisverhandlungen verfallen.
Der Om Beach ist wunderschoen. Zwar ist es auch hier kein so karibisches Traumstrandfeeling wie ich es gehofft hatte, aber schoener als der Arambol Beach in Goa ist er allemal. Wenige Resorts mit provisorischen Bambushuetten und angeschlossenen Restaurants, wenig besucht, besonders in dieser Jahreszeit (es ist einfach zu warm) und vor allem erstaunlich sauber.
Nach einem sehr entspannten Tag mit schwimmen und essen und duschen und schwimmen und lesen habe ich dann in meinen Geburtstag in einer Bambushuette hineingeschlafen. Letztes Jahr habe ich meinen Geburtstag auf einem Seminar verbracht und habe mit Menschen gefeiert die ich keine 24 Stunden kannte. Auch das war nett. Dieses Mal hatte ich A. und J., meine Begleitungen wenigstens schon 2-4 mal in meinem Leben gesehen :-)
Am naechsten Morgen kam K. dann hinterher und zum Geburtstagsfruehstueck gab es tatsaechlich Geschenke. Danke!
Nach einem Bad im lauwarmen und sehr, sehr ruhigen Ozean sind K. und ich dann,wie sollte es anders sein, wandern gegangen. Wir wollten zum Kudle Beach und zum Gokarna Beach. Das war sogar ausgeschildert. Aber der Weg direkt an der Kueste entlang sah so viel schoener aus. Und es kam wie es kommen musste- wir haben kollektiv schnell beschlossen die Kameras wegzupacken weil wir wirklich saemtliche Haende brauchten die wir hatten. Freeclimbing, nasse Felsen hoch, die schaeumende See tief unter einem. Und in Flipflops... Es war sehr aufregend. Wir haben beschlossen einen Reisefuehrer zu schreiben. "Wandern in Suedindien fuer Anfaenger. In Flipflops." Nach einem sehr anstrengenden Weg wieder mal mitten durch die Botanik am steilen Kuestenfelsen entlang gelangten wir auf ein total schoenes kleines Plateau auf dem sogar eine Huette stand. Es war aber niemand in Sicht, nur eine Strasse in weiter Ferne. Da wir uns sehr einig waren, dass wir ab jetzt unseren Fokus mal auf ordnungsgemaesse Wege lenken wollten strebten wir also darauf zu und kamen an ein grosses Metalltor neben dem jemand schlief. Wir schlichen uns durch das Tor und entdeckten auf der anderen Seite ein "Betreten Verboten"-Schild. Naja, nun war es ja eh egal. Wir glauben uebrigens beide ganz fest, dass das Anwesen Sting gehoert.
Den Kudle Beach erreichten wir dann ganz unspannend ueber normale Wege und waren froh endlich mal wieder in einer schattigen Huette sitzen zu koennen. Wir kauften uns ein paar Halsketten und sind dann gemeinsam mit den Kettenverkaeufern zum Gokarna Beach gegangen. Die beiden haben irgendwann angefangen einen Baum wie verrueckt mit Steinen zu bewerfen, und immer wenn dieser dann aufgrund dieser Uebermacht einige Fruechte abwarf, bekamen wir diese angeboten. Ich habe keine Ahnung was wir da gegessen haben, aber lecker war es. Gokarna Beach ist nicht schoen und sehr ueberfuellt, aber das Doerfchen Gokarna selber ist ganz toll. Klein, wuselig, voller Pilger und mit wieder einmal ausgesprochen netten Leuten. Wir wurden fotografiert, haben sinnlosen Kram gekauft und sind dann, weil es leider schon dunkel wurde mit einer Riksha zum Om Beach zurueck. Ich wollte doch soo gerne mit einem dieser kleinen Fischerboote fahren...
Wir haben dann am Om Beach in einem Restaurant zu viert gegessen und ganz gepflegt aus meinem Geburtstag herausgefeiert. Dann passierte leider etwas sehr Unschoenes. Da es nach 24 Uhr war zaehle ich es mal nicht zu meinen Geburtstagserlebnissen.
Ein aelterer, sehr betrunkener Inder nervte uns extrem, gab keine Ruhe, wollte sich immer wieder zu uns setzten und stuetzte irgendwann die Haende auf unseren Tisch und starrte uns minutenlang an. Als wir ihn dann baten uns in Ruhe zu lassen (wir waren wirklich hoeflich, ich schwoere), rastete er ganz ploetzlich total aus. Ich werde hier nicht wieder geben was er uns an den Kopf warf, aber ihm brannte definitiv eine Sicherung durch. Da ich um unsere Sicherheit fuerchtete ging ich in das Restaurant und bat um Hilfe. Der junge, etwas sprachbehinderte Sohn des Gastwirts hatte das Ganze beobachtet und drueckte mir einen Holzknueppel in die Hand!!! Also sowas. Was soll ich denn bitte damit? Das war mit Abstand die absurdeste Situation die ich hier bisher erlebt habe. Ich habe den Knueppel trotzdem mitgenommen, immerhin hatten wir auch noch den Rueckweg ueber den stockfinseren Strand vor uns. Ich haette ihn ja vielleicht durchbrechen koennen um etwaige Boese durch Laerm zu verscheuchen.
Als der Restaurantbetreiber, der wohl gemeinhin als sehr diplomatisch und freundlich bekannt ist, den Mann dann zur Ruhe bringen wollte ist irgendetwas passiert.
Offensichtlich hatte der Mann schon die ganzen letzten Tage insbesondere die 'weissen' Restaurantgaeste angepoebelt, belaestigt und ins Laecherliche gezogen. Die Situation mit uns war dann nur noch der sprichwoertliche Tropfen.. Der Restaurantbetreiber, der naturgemaess auf Touristen angewiesen ist hat sich dann mit dem volltrunkenen Mann auf Kannada gestritten. Und dabei hat der Mann dann wohl noch die Sprachbehinderung des Kleinen angegriffen. Und daraufhin artete das Ganze in einer furchtbaren Schlaegerei aus. Angeblich ist nichts Schlimmes passiert aber es war ganz furchtbar den Lauten einer Schlaegerei im Dunkeln zu lauschen, in die der Kleine dann auch noch mit einer leeren Bierflsche bewaffnet eingreifen wollte. Davon konnten wir ihn gottseidank abhalten. Ich habe mich in dieser Situation ganz elend gefuehlt, auch wenn ich weiss, dass wir keine Schuld daran hatten.
Ich habe daraufhin mal angefangen mich mit dem Gedanken zu befassen was mit behinderten Menschen hier eigentlich so passiert. Die bisherigen Ergebnisse sind sehr dunkel und traurig und ich werde mich an anderer Stelle weiter damit befassen.

Indien ist fuer mich immer noch ein liebenswertes Land mit freundlichen Menschen aber in Sachen Menschenwuerde muss, auch wenn schon ein Stueck Weg zurueckgelegt ist, noch ein Marathon gelaufen werden!
Und ich stelle fest, dass jede wirklich unagenehme Situation in die ich hier geraten bin immer mit extremem Alkoholkonsum zu tun hat. Warum muessen die Leute denn gleich immer so uebertreiben, dass sie sich entweder beim lauten Singen uebergeben oder ernsthaft eine Sicherung durchbrennt?

Am Sonntag sind wir mit einem Fischerboot (juhu) wieder zum Gokarna Beach gefahren um nach einem Essen in einem Rooftop-Restaurant unseren Schlaf- Bus nach Hause zu erwischen. Und dieses Mal waren wir Montagmorgen sogar alle 4 puenktlich bei der Arbeit :-)
Gokarna ist ein liebeswertes, wuseliges Doerfchen mit schoenen Straenden und grandioser Natur und auf jeden Fall einen Ausflug wert.
Naechstes Wochenende werden wir zur Abwechslung mal in die Berge fahren. Das duerfte aufgrund der Temperaturen mal deutlich angenehmer sein. Es ist naemlich wirklich anstregend, wenn man nach dem Duschen, kaum wieder angezogen, schon wieder klatschnass geschwitzt ist. Aber ich will mal nicht meckern. Ich werde dieses Jahr den laengsten Sommer meines bisherigen Lebens haben, auch wenn der mitteleuropaeische eventuell durch die Aschewolke etwas kuehler sein wird. Aber dann habe ich schliesslich 3 Monate ueber 30 Grad hinter mir. Ich werde es also verkraften :-)


P.S. Fotos folgen spaeter, mein Akku war leer und ich muss die Fotos der anderen noch besorgen.

Donnerstag, 8. April 2010

Goa I

Am Gruendonnerstag sind K. und ich mit einem Semi Sleeper Bus nach Goa gefahren. Nachdem ich mit einem Rikshafahrer, der offensichtlich sehr gute Laune hatte und nebenbei, zumindest vermute ich das, etwas tief ins Glas geschaut hatte in Schlangenlinien und unter lautem Gesinge seinerseits in Gandhinagar ankam, stellte sich das erste Problem an diesem Wochenende. Da offensichtlich die gesamte Bevoelkerung von Bangalore beschlossen hatte an diesem Wochenende zu verreisen und dieser Stadtteil anscheinend der Sammelplatz fuer saemtliche Buslinien ist, fand ich K. nicht. Es ist absolut unglaublich was fuer Menschenmassen nachts um elf mit Reisetaschen die Strassen fuellten. Mein ausgesprochen hilfreicher Rikshafahrer hat dann aber gegen den kleinen, natuerlich nicht abgesprochenen Aufpreis von 10 Rupien fleissig geholfen den richtigen Abfahrtpunkt zu finden. Somit fand ich auch K. Und waehrend ich noch ueberlegte was eigentlich genau ein Semi Sleeper Bus ist, traf eben dieser ein. Einen Semi Sleeper Bus zeichnet aus, dass er keine Liegen, sondern zurueckstellbare Sitze hat. Dafuer hatten wir eine Klimaanlage, die auf ca. -10 Grad eingestellt war. Und noch etwas zeichnet einen Semi Sleeper aus- man kann nur semigut darin schlafen. Unser Busfahrer trug durch eine ausgesprochen optimistische Fahrweise dazu bei, dass semigut noch euphemistisch war. Die vom Busunternehmer auf froehliche 12 Stunden angesetzte Fahrt, die bei anderen Unternehmen 14 Std dauert sollte wohl auf Teufel komm raus eingehalten werden. Und so jagten wir auf 2 Raedern durch die Serpentinen der Berge, froren und kamen erstaunlicherweise tatsaechlich nach 12 Stunden in Panjim an... Wir hatten uns entschlossen die beruehmten Straende zu vermeiden, an denen sich laut Reisefuehrern und Erzaehlungen anderer die Urlauber der gesamten westlichen Hemisphaere aufhalten sollten. Uns stand der Sinn nicht nach drogenlastigen Raverparties- wir wollten das alte Goa finden. Also fuhren wir in 2 verschiedenen oeffentlichen Bussen nach Arambol- einem Strand im Norden.
Wir fanden genau wie es geplant war eine Bambushuette mit Toilette und Dusche und STROM fuer 300 Rupien die Nacht. Was soll ich sagen- 50 Meter von der Wasserkante entfernt, das milde Rauschen des indischen Ozeans im Ohr, ein Blick auf die unendlichen Weiten des Wassers und mit einem Service, der einem die Getraenke an die Standliegen bringt... Die erste Amtshandlung war natuerlich in die Bikinis zu huepfen und sich im Ozean abzukuehlen. Pustekuchen, bei einer Wassertemperatur von 28Grad ist da nicht all zu viel Abkuehlung. Aber toll war es trotzdem. Ausserdem war es einfach grandios mal leicht bekleidet herum laufen zu duerfen. In Goa darf man das.



(Der Blick aus der ‘Haustuer’)



(Umgerechnet 5 Euro pro Nacht fuer eine Huette mit Pflanze)

(Exkurs :-): Indien ist kein Land, in welchem man oder besser Frau unproblematisch in kurzen Sachen herum laufen kann. Da ich mich bisher hartnaeckig geweigert habe indische Kleidung zu kaufen, trage ich tagsueber meistens Jeans und T-Shirt. Ich bin selber schuld- ich bin nunmal der Ansicht, dass Toleranz in beide Richtungen gelebt werden sollte. Ich provoziere niemanden indem ich Hotpants oder schulterfrei trage, aber ich finde, dass, wenn ich jeden akzeptiere wie er ist, ueberall auf der Welt, ich mich nicht verkleiden muss. Mal abgesehen davon, dass ich in einem Sari vermutlich noch mehr angestarrt wuerde und jede noch so indische Kleidung nicht vertuschen koennte, dass ich blass und blond und damit exotisch bin finde ich, dass Jeans und T-Shirt eine angemessene Kleidung sind. Also geissel ich mich im alltaeglichen Stadtleben selber und schwitze mich aus purem Trotz halbtot, waehrend die Damen in den luftigen Saris und Salwaar Kameez der Hitze ganz anders gegenuebertreten koennen. Auch ist Indien kein logisches Land. Waehrend hier in vielen (maennlichen?) Koepfen die Auffassung herrscht, dass alle „Westler“ immer und ueberall der freien Liebe froehnen und viele Frauen, nicht nur die europaeischen, sich mit staendigem angefasst werden herumplagen muessen (ich, hurra, noch nicht), sind die Leute hier selber unfassbar gestoert was Sexualitaet und alles drumherum angeht. Im Musikfernsehen laufen Musikvideos in denen die Damen dermassen leicht bekleidet sind, dass Madonna, Christina Aguilera und Lady Gaga dagegen zuechtig verhuellt wirken, auf der anderen Seite ist das Frauenbild hier teilweise extrem verstaubt und man treibt man Verkaeuferinnen die Schamesroete ins Gesicht, wenn man in einem Supermarkt nach Tampons fragt. Ich begreife das nicht. Auf alten Wandgemaelden und in alten Tempeln sieht man Szenen, die wiederum mir die Schamesroete ins Gesicht treiben koennten... Was ist hier in den letzten Jahrhunderten bloss passiert?? Weiterhin sind hier doch sehr viele Leute um eine gute Ausbildung bemueht, und diejenigen, die eine solche Ausbildung geniessen durften sind erstaunlich gut allgemeingebildet, trotzdem erlebt man hier immer wieder sehr irritierende Situationen. Sehr haeufig, wenn das Wort „Deutschland“ faellt wird einem ein gut gelauntes: “Oh, Germany, good, good. Nice people, Hitler, very good, nice...“ entgegentrompetet, und in einem Wachsfigurenkabinett hier in Bangalore sitzt die Figur Hitlers direkt neben Nelson Mandela... Zudem wird man mit so verdrehten „Tatsachen“ konfrontiert, dass Hitler den VW Kaefer eigenhaendig gezeichnet und so erfunden habe. Auf vorsichtige Korrekturversuche meinerseits wird dann unglaeubig geguckt und auf die eigene Variante beharrt. Aber in vielen anderen geschichtlichen Dingen wissen die Menschen erstaunlich gut Bescheid und auf die Demokratie hier ist man im allgemeinen sehr stolz. Irgendetwas laeuft hier doch schief...)


Wie auch immer- nach einem Bad im erstaunlich ruhigen Ozean, dessen hier liegender Teilbereich arabisches Meer genannt wird, haben wir uns die Shoppingstrasse angesehen. In Goa kann man Goahosen kaufen. Eine Goahose ist eine Art Pluderhose, deren Schritt aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gruenden irgendwo zwischen den Knoecheln herumbaumelt. Da ich wirklich Sorge hatte einem Hitzschlag zu erliegen, meine Ansichten ueber die Notwendigkeit indischer Kleidung aber nicht einfach so kampflos aufgeben wollte und diese Goahosen gruselig finde, habe ich versucht einen Kompromiss zu finden. Ich habe eine normal geschnittene, lange Stoffhose gekauft.



(Shopping)

Nach einem tollen Abendessen und einer angenehmen Nacht mit Meeresrauschen im Ohr sind K. und ich am naechsten Morgen, wie sollte es auch anders sein, zu einem grandiosen Entschluss gekommen. Anstatt uns einfach mal faul am Strand zu erholen beschlossen wir die Straende der Umgebung anzusehen. Wir sind am wirklich hohen Steilhang entlang durch die Buesche gekraxelt, mehrfach beinahe abgestuerzt, haben uns durch Dornen und Schlingpflanzen gekaempft und sind irgendwann mittendrin zu einem ausgesprochen spontanen Rueckzug gezwungen worden, als wir uns ploetzlich einem Frontalangriff von roten Riesenameisen ausgesetzt sahen. Die Mistviecher haben definitiv auf uns gewartet und geplant angegriffen. Mitten im Gebuesh stuerzten sie sich von allen Seiten auf uns und haben gebissen was das Zeug haelt. K., ich habe doch gleich gesagt, dass das kein ordnungsgemaesser Weg ist :-)



(Ab durch die Botanik… irgendwie sieht man nicht so gut wie steil das war…)

Aber am Ende haben wir den Strand doch erreicht und haben in einer Huette die Wasservorraete der naechsten 3 Wochen aufgekauft. Linksseitig verbrannt, gebissen, zerkratzt und voellig k.o. stuerzten wir uns in Wasser und konnten nicht glauben, dass wir es geschafft hatten der gruenen „Hoelle“ zu entkommen. Neben uns sassen einige Aussteiger und guckten auf einem winzigen Schwarz-Weiss Fernseher Fussball (!) und wir traten irgendwann den unvermeidlichen Rueckweg an.



(Aussteiger beim Fussball gucken)

Goa II

Dieses Mal waren wir so klug nach dem Weg zu fragen. Nach einem extrem steilen Aufstieg fanden wir oben auf dem Steilhang ein Plateau, auf welchem man den von uns in 3 Stunden gekletterten Weg gemuetlich in 45 Minuten gehen konnte....


(Sonnenuntergang von Plateau aus, tief unten der Strand)

Nach einer extrem notwendigen Dusche suchten wir ein Restaurant auf, dessen Tische direkt am Strand standen. Zum sitzen gab eine keine Stuehle sondern Liegen. Zunaechst assen wir ein unglaublich leckeres Essen um uns dann gemuetlich zuruckzulehnen und den Sternenhimmel zu betrachten. Ich mag Goa :-)



(Liegend auf das Essen warten..)

Leider wurde in der gleichen Nacht der tolle Eindruck des Strandes gestoert, da unser Vermieter eine lautstarke Party mit seinen Freunden feierte. In einem solchen Moment ist eine Bambushuette mehr als unpraktisch- aufgrund fehlender Isolierung waren wir mittendrin statt nur dabei. Bis sechs Uhr morgens waren wir Zeugen einer sehr alkohollastigen und lauten Party die 10 m von unserer Huette entfernt stattfand. Diejenigen von euch die mich kennen werden sich sicher wundern, dass ich nicht interveniert habe. Aber ganz ehrlich- ich habe mich nicht getraut. Wir waren beide zu feige in unseren Schlafanzuegen aus der Huette zu treten und 15 volltrunkenen Maennern gegenueberzutreten um sie zu bitten ihre Lautstaerke zu reduzieren. Das haette ich wohl in keinem Land dieser Welt gewagt...wenn wenigstens Frauen auf der Party gewesen waeren...
Das war das erste Mal seit ich hier bin, dass ich mir ernsthaft deutsche Verhaeltnisse gewuenscht habe. Es waere ein Anruf bei der Polizei gewesen und wir haetten schlafen koennen. Aber so mussten wir bis sechs Uhr morgens wildes Gegroehle ertragen und dann resigniert feststellen, dass ab sieben Uhr die Temperaturen zu hoch zum schlafen sind....
Nach dem Schwimmen und dem Sachen packen wurde ich unserem verkaterten Vermieter gegenueber sehr unhoeflich und aergerte mich schwarz, dass wir im voraus bezahlt hatten. Wir brachen dann auf um aus Prinzip woanders zu fruehstuecken. Das Fruehstueck und die Aussicht versoehnten uns etwas.



(Fruehstueck mit Aussicht)

Wir brachen dann in aller Gemuetsruhe auf um in Panjim den Bus fuer die Rueckfahrt zu ergattern.



(Ein kleiner Obstbasar in Panjim)



(An der Touristensammelstelle wartet man auf den richtigen Bus)

Dummerweise haben wir feststellen muessen, dass wir auf der Hinfahrt Glueck hatten und einen Volvobus mit grosser Beinfreiheit hatten, was wohl nicht unbedingt Standard ist. Der Isuzubus fuer die Rueckfahrt war fuer so kleine Menschen ausgelegt, dass ich sogar beim normalen Sitzen mit den Knien an den Vordersitz stiess. 12 Stunden, oha. Das kann ja heiter werden. Aber es kam noch schlimmer :-)Mitten in den Serpentinen, gerade in einen semischlechten unruhigen Halbschlaf gefallen wurde ich um zwei Uhr nachts durch einen Knall geweckt und stiess zeitgleich schmerzhaft mit dem Kopf gegen die Scheibe. Panne!
Es kamen auf dieser Strasse sehr viele Busse gerade aus Goa und so hatten unsere Busbegleiter hilfreiche Unterstuetzung.
„Wie viele Leute stehen da jetzt neben dem Hinterrad?“
„Acht.“
„Was machen sie?“
„Also drei gucken nur. Zwei halten Taschenlampen und gucken auch. Und drei hocken neben dem Reifen, gestikulieren und ... gucken.“
Ich weiss immer noch nicht was genau eigentlich gebrochen war, aber die wieder auf 12Stunden angesetzte Rueckfahrt verlief nach der Panne langsamer als geplant, so dass wir nach 15 Stunden viel zu spaet in Bangalore waren und beide nach einem Zwischenstop zu Hause zu spaet zur Arbeit kamen. Aber es war nicht schlimm- in Deutschland war schliesslich Feiertag, dann wird es uns vergoennt sein nur einen halben Tag zu arbeiten.
Fazit: Goa ist toll, Idioten gibts auf der ganzen Welt, meine Kratzer heilen langsam und eines weiss ich ganz sicher: NIE WIEDER SEMI SLEEPER!