Donnerstag, 27. Mai 2010

Wenn man Postkarten verschicken moechte...

Anfang letzter Woche hatte ich endlich alle meine Postkarten fertig geschrieben und habe den Stapel mit ins Buero genommen. Unser Bueroboy wollte mir dann freundlicherweise den Weg zum General Postoffice nicht nur erklaeren sondern zeigen. Da sein Englisch etwas radebrechend ist haben die anderem Angestellten ihm auf Hindi oder Kannada erklaert, dass ich nicht nur die Postkarten versenden moechte, sondern auch 2 Umschlaege brauche um Fotos innerhalb Indiens zu versenden. So weit so gut. Auf dem Weg dorthin, wo ich wieder mal den Pragmatismus der Inder bewundern durfte (ein durch den Regen neu entstandenes Schlagloch wurde kurzerhand mit Palmenblaettern gefuellt) erklaerte er mir diverse Gebaeude.
Ich habe mich in den letzten 3 Monaten recht gut in das indische Englisch, gerne auch Hinglish genannt hineingehoert, welches hier etwa 50 % der Leute sprechen, aber bei ihm habe ich immer noch ernsthafte Schwierigkeiten. Ich nickte und laechelte also freundlich (auch das indische Kopfwackeln beherrsche ich inzwischen recht gut) und wir erreichten dann das GPO. Dass es hier keine Privatsphaere gibt, und jeder sich andauernd vordraengelt und dabei auch Koerperkontakt nicht scheut, das weiss ich inzwischen. Dass das auch in der Bank und in der Post so ist, das war mir neu. Wir stellten uns an einen Counter und eine Frau winkte uns an einen anderen, an welchem schon ca. 5 Leute standen. Waehrend ich mich im Hintergrund hielt und das Ganze recht amuesiert beobachtete, stellte sich S. mitten zwischen die 5 anderen, die allesamt nebeneinander an dem Counter standen. Die Frau hinter dem Counter fragte innerhalb von 5 Minuten 6 mal nach, ob es wirklich 24 Postkarten waeren. Sie vergass es immer wieder, da sie alle 6 Kunden gleichzeitig bediente und dabei etwas unkoordiniert war. Waehrend S. am Counter darauf wartete, dass sie endlich die georderten Briefmarken bringt, fing er ein Gespraech mit dem neben ihm Wartenden an. Dabei wurden meine von ihm gehaltenen Postkarten recht schnell Gespraechsthema. Okay, ich verstehe kein Hindi, dass sie sich alle 24 Karten ansahen, ueber die Motive diskutierten und dabei deutlich gestikulierten, das habe ich trotzdem verstanden. Noch lustiger fand ich es dann, als die Karten umgedreht wurden und meine Handschrift analysiert wurde. Gut, ich gebe zu, dass man bei Postkarten keine allzu grosse Geheimhaltung erwarten kann, aber dass 2 Menschen lautstark auf Hindi diskutieren, ob ich „Germany“ oder „Cermany“ geschrieben habe, das kam mir etwas komisch vor. Waehrend dessen musste ich, da S. ja abgelenkt war der Dame hinter dem Counter immer wieder die Zahl ‚24‘ bestaetigen. Als dann endlich die Marken herueber gereicht wurden, erinnerte ich S. an die Umschlaege fuer die Fotos. Wir haben ca. 5 Minuten aneinander vorbei geredet.. Zunaechst wollte er 24 Umschlaege ordern. Dann wollte er mir klar machen, dass man keine Fotos verschicken duerfe, dann, dass ich fuer jedes Foto einen separaten Umschlag braeuchte. Als ich ihm endlich klar gemacht hatte, was meiner Meinung nach schon die Angestellten im Buero deutlich gemacht hatten, naemlich, dass ich 2 Umschlaege fuer insgesamt 8 Fotos braeuchte, von denen ein Umschlag mit 6 Fotos nach Tamil Nadu und einer mit 2 Fotos innerhalb Bangalores verschickt werden sollte, waren ernsthaft 5 Minuten vergangen. Er orderte dann also bei der mehrfach beschaeftigten Dame noch 2 Prepaid Umschlaege und wir gingen nach draussen, da dort der Leim (!) fuer die Briefmarken war. Ich hatte nicht unbedingt das dringende Beduerfnis die Marken anzulecken, aber ich dachte ein wenig Wasser sei ausreichend. Weit gefehlt, S. nahm jede einzelne Postkarte und klebte sehr langsam, liebevoll und ordentlich die Marken darauf, indem er seinen Finger in den Leim tauchte und die Marken damit einrieb. S. ist sehr niedlich. Er reicht mir bis ungefaehr zur Huefte, ist verheiratet und hat 2 Kinder. Er verdient sehr wenig Geld und hat nur so einen Helferjob, aber wenn er auf der Strasse lang geht, dann strahlt er immer ganz selbstvergessen vor sich hin. Er wirkt sehr zufrieden mit seinem Leben. Allerdings kann er sich ja auch andauernd ueber die merkwuerdigen Deutschen in seinem Buero amuesieren, die Postkarten verschicken und Germany falsch schreiben, mit ‚C‘ naemlich. Aber, so hat er mich beruhigt, die Post wuerde wissen was Cermany bedeute. Waehrend er mir das erklaerte und eifrig die Marken aufleimte gab er sich auch noch grosse Muehe mir die Motive der Postkarten zu erklaeren. Er ist wirklich ruehrend.... Nachdem wir insgesamt fast eine Stunde in der Post waren, waren endlich die Karten abgegeben und auf dem Weg nach Deutschland. Fast eine Stunde um 2 Umschlaege und 24 Briefmarken zu kaufen und diese aufzukleben! Und es war nicht einmal voll in der Post. So etwas gibt es nur in Indien :-)

Heavy Metal in Bangalore

Am Samstag den 15.5. suchte die amerikanische Heavy Metal Band „Lamb of God“ Bangalore heim. Da meine Nerven aus mehreren privaten Gruenden etwas angeschlagen waren, hatte ich beschlossen mit einigen Leuten zu dem Open Air Festival zu gehen. Zwar wuerde ich mich nicht unbedingt als Metalfan bezeichnen, aber ich finde es gibt schlimmere Musikrichtungen. Ich wusste, dass es dort Alkohol geben wuerde (irgendwie brauchte ich den) und vor allen Dingen war ich unglaublich neugierig... In dieser Stadt, die so mordern und gleichzeitig so veraltet ist, wo arm und reich, Schoenes und Schlimmes so dicht nebeneinander liegen, wo die Frauen zu ueber 90 % traditionell gekleidet sind und die Maenner entweder Stoffhosen mit Buegelfalten oder diese sehr indischen ‚Wickelroecke‘ tragen, dort sollte ein Open Air Festival stattfinden? So eine Veranstaltung mit Alkohol und einer Buehne, mit lauter moderner Musik und ganz vielen Heavy Metal Fans die zusammen feiern? Eine sehr absurde Vorstellung... Ich gebe zu, dass das in mein Bild von Indien, auch von Bangalore, nicht wirklich hineinpasste. Ich war so unglaublich gespannt auf die Fans, auf die Organisation, auf die Musik und ueberhaupt... ich fand die Idee grossartig das einmal auszuprobieren. Wir liessen uns nach einem ausgiebigen Fruehstueck von einer Riksha zu den Palace Grounds fahren und suchten zunaechst einmal verzweifelt den Eingang. Die Palace Grounds sind riesig und Schilder gab es natuerlich keine. Aber es tauchten die ersten Fans auf, und, welch ein Wunder- sie waren leicht zu erkennen. Langmaehnige Rocker in kurzen Cargohosen, Metal-T-Shirts und Turnschuhen kreuzten unseren Weg und es wurden immer mehr. Offenbar war die Eingangssuche nicht nur unser Problem alleine und so wuchs unsere kleine Wandergruppe voller seltsamer Gestalten schnell zu einer recht auffaelligen grossen Gruppe an. Dem Herdentrieb folgend stapften wir alle gemeinsam um die Aussenmauer der Palace Grounds um endlich, schon wieder aufgrund der Hitze voellig erschoepft, den Eingang zu finden. Ab dort wurde es wirklich interessant. Es gab eine Wellblechhuette, die offenbar den Ticketcounter darstellen sollte.



(Ticketcounter)

Wir stellten uns an und bekamen tatsaechlich unsere schon bezahlten Tickets um dann wiederum verwirrt nach dem Festivalgelaende zu suchen. Als wir auch dieses Problem durch folgen der Herde eine halbe Stunde spaeter geloest hatten mussten wir unsere Getraenke (Wasser) und Zigaretten draussen lassen, durften aber Kameras mit hinein nehmen. Die Security bediente sich froehlich an dem Stapel halb geleerter Wasserflaschen und liess uns einen nach dem anderen auf das Gelaende. Fuer meine festivalerfahrenen Augen war das Gelaende sehr klein und leider ohne Schattenplaetze.



(Das Gelaende)

Dafuer gab es Unmengen T-Shirt Shops fuer die, die noch nicht in dem passenden Outfit erschienen waren und genau so viele Staende fuer Essen und Getraenke. Interessant fand ich, dass einer der Food Staende tatsaechlich seine Menues auf einem Flachbildschirm praesentierte. Dieser war auf dem recht robust angelegten Gelaende so dermassen fehl am Platz....



(...)

Es gab, was mich voellig faszinierte, tatsaechlich Dixie-Klos (!). Okay, was waere ein Festival ohne Dixie-Klos, aber irgendwie hatte ich damit nicht gerechnet. Immerhin herrschen eigentlich immer noch ueberall die indischen Urinale vor. Aber- es gab saubere Dixies mit fliessend Wasser aus den Kraenen, und, da Frauen auf dem Festival total unterrepraesentiert waren, dieses blieb bis zum spaeten Abend so. Ich sollte dazu sagen, dass selbstverstaendlich Maenner und Frauen getrennte Toiletten hatten. Glueck fuer uns  Wir mussten nicht einmal Schlange stehen...
Relativ schnell begann die erste indische Metalband zu spielen- und sie gaben wirklich alles. Mit sehr langen Haaren headbangend rockten sie in der Hitze waehrend das Publikum feierte und Wodka trank. Wodka war billiger als Bier, zusammen mit der Hitze sorgte dieser Umstand schnell fuer die ersten Alkoholkomatoesen. Ein Erste-Hilfe Zelt habe ich nicht gesehen. Aber es scheinen alle irgendwie ueberstanden zu haben. Wir taten also was man auf Festivals so macht- wir assen, wir tranken, wir tanzten etwas und wunderten uns etwas. Es gab keinen Zeltplatz, es wurde trotz Rauchverbots geraucht und gekifft wie verrueckt und wir waren eine ganze Zeitlang praktisch unsichtbar. Niemand, und das ist wirklich erstaunlich, interessierte sich fuer uns. Insgesamt waren geschaetzte 15.000 Leute auf dem Festival- wir zaehlten 10 Auslaender, uns eingeschlossen, Lamb of Gob ausgeschlossen. Allerdings liefen die auch nicht auf dem Gelaende herum. Trotzdem liess man uns in Ruhe- eine voellig neue Erfahrung. Und noch etwas- wo sind all die langhaarigen Rocker im normalen Leben? Wo kommen die bloss alle her???? 15.000!!!
Das Publikum war geschaetzte 17- 22 Jahre alt, und an T-Shirts war alles vertreten, was die Metal Szene zu bieten hat. Slayer, Pantera und Cannibal Corpse waren ebenso vertreten wie Iron Maiden, Megadeath und natuerlich Lamb of God. Einer, den ich mit Erlaubnis fotografiert habe trug ein Hakenkreuz T-Shirt. Es war nicht die Swastika und die sollte es auch nicht sein. Offenbar hielt der junge Mann das Shirt fuer cool... Hm, kein Kommentar.
Es war wirklich nett, die indischen Bands rockten die Buehne und langsam aber sicher stieg die Spannung. Lamb of God Rufe wurden laut und mit steigendem Alkoholpegel wurden wir langsam sichtbar. Wo kommt ihr her? Deutschland? Und ihr seid hierher gekommen um Lamb of God zu sehen? Das ist der Wahnsinn!!! Wow. Unsere Erklaerungen waren sinnlos- Ihr arbeitet hier? Egal, ihr seid hier in Indien um Lamb of God zu sehen, das ist soooo cool.
Wir liessen es dann dabei. Und dann ging es los. Lamb of God stuermten die Buehne, das Publikum ebenfalls und wurde nur durch eine ueberwaeltigende Polizeipraesenz (mit Cowboyhueten und Schlagstoecken) davon abgehalten voellig durchzudrehen. Ich stand vor der tanzenden Menge direkt vor der Buehne, ein Standort den ich normal gerne vermeide. Ich mag es nicht wenn man mir in den Ruecken tanzt (der gute alte Pogodance ist hier weit vebreitet). Jedoch befand ich mich zu meiner Ueberraschung in einer Art Seifenblase. Ich habe mich noch nie (!) auf einem Konzert so beschuetzt gefuehlt. Koerperkontakt wurde tunlichst vermieden und ich habe mich wirklich wohl gefuehlt. Ich haette irgendwie mit Angrabbelattacken gerechnet- ich habe den Metallern wirklich Unrecht getan! Wie Lamb of God so passend ins Mikro bruellten: „It’s nice to see it’s the same Motherf**** everywhere in the world”. Musik verbindet tatsaechlich irgendwie.
Es war ein wirklich nettes Konzert.



(Etwas verschwommen aber dafuer stimmungsvoll)

Das Ende des Abends hingegen fand ich etwas befremdlich. Waehrend sich bis auf meine Seifenblase nichts von einem europaeischen Festival unterschied, war das Ende sehr eigenartig. 10 Minuten nach Ende des Konzerts stand ich an einem Food Stand um mir Pommes zu kaufen (es gab echte Pommes!) und hoerte ploetzlich einen merkwuerdigen Laerm. Die Cowboys wanderten ueber das Gelaende und schlugen mit den Stoecken gegen die Metallzaeune. Alle Festivalbesucher sprangen hektisch auf und liessen sich zum Ausgang treiben. Wenn eines der Schaefchen nur ein wenig langsamer ging als die anderen wurde der Schlagstock gezielt gegen den Oberschenkel geschlagen.Wer auf dem Boden lag und nicht mehr gehen konnte wurde gehend gemacht... Und was das Merkwuerdigste war- niemand muckte dagegen auf. Ich war wieder unsichtbar, mich liess man am Pommesstand stehen. Ich beoachtete voellig fassungslos den wirklich hemmungslosen Einsatz der Schlagstoecke und habe dabei wohl etwas erstarrt geguckt. Diese Erstarrung wurde von den Pommesverkaeufern voellig fehlinterpretiert: „No need to be scared ma’m“. Ich hatte keine Angst. 1. Bin ich Auslaenderin, daher untouchable, oder besser unschlagable, 2. bin ich eine Frau und 3. glaube ich sicher, dass ich zurueck getreten haette. Das waere zwar wohl sehr unklug gewesen, aber ich lasse mich nicht grundlos mit einem Stock schlagen und ich wusste sowieso recht sicher, dass man mich in Ruhe lassen wuerde. Ich fragte die Pommesverkaeufer warum die Polizei so rigeros sei und bekam die lapidare Antwort, dass das hier eben so sei. Tja, offenbar ist das tatsaechlich so, denn es hat wirklich niemand aufgemuckt. Allerdings war die Polizeipraesenz wirklich beeindruckend. Aber ich verstehe das nicht- es war so friedlich, den ganzen Tag ueber gab es keine Schlaegereien oder aehnliches und dann das, so total grundlos...



(Sie sammeln sich langsam)

Egal, ich fand meine Kollegen wieder und mich kurze Zeit spaeter auf dem Ruecksitz eines Motorrades auf dem Weg in eine Disko. Der indische Fahrer desselben war ein Kollege meiner Freunde, wir waren inzwischen eine recht grosse Gruppe. Der Fahrer, ich kann mich leider an den Namen nicht erinnern, hatte einige Koordinationsschwierigkeiten damit das Motorrad zu fahren und gleichzeitig sein Mobiltelefon zu bedienen. Nach einer kleinen Kollision mit einer Riksha, die jedoch nur den Spiegel verbog drueckte er mir sein Telefon in die Hand und bat mich ihm aktuelle Statusmeldungen zu geben. Innerhalb von 10 Minuten klingelte 6 mal das Telefon. „Es ist Sadesh“, „Nicht drangehen“, „Es ist deine Mom“, „Nicht drangehen“... Einmal bruellte ich ueber den Verkehrslaerm hinweg in die Ohren des voellig verdatterten Gespraechspartners, dass wir gleich da seien. Es war sehr lustig. Leider war der Eintritt in die Disko sehr teuer, das lohnte sich nicht, da aufgrund der Sperrstunden sowieso nur noch 45 Minuten uebrig gewesen waeren. Die anderen beschlossen in der Wohnung eines Beteiligten noch ein Bier zu trinken, ich wollte aber lieber nach Hause. An dem Tag standen die Sterne guenstig und rund um die Palace Grounds wurde geheiratet wie verrueckt. Also hatte ich mal wieder das Rikshaproblem. Sehr gentlemanlike brachte mich dann einer der Gruppe mit dem Scooter nach Hause und nahm extra dafuer einen Umweg in Kauf. Ich war sehr dankbar. Es war wirklich ein netter Abend, und ich bin sehr froh, dass ich am naechsten Tag keinen Kater hatte :-)