In der Nacht auf Sonntag, den 2.5. kam Besuch aus Deutschland. Meine Schwester und ich wollten 8 Tage reisen und dabei sollte sowohl die Kultur als auch der klassische Strandurlaub angemessen beruecksichtigt werden. Wir konnten ja nicht ahnen, dass wir es tatsaechlich schaffen sollten von einem Extrem ins andere zu stolpern. Stolpern ist eigentlich nicht das richtige Wort. Rumpeln waere irgendwie angemessener. Knapp 16 Stunden nach ihrer Ankunft machten wir uns auf den Weg zum Hauptbahnhof. Das erste grosse Ziel war Tiruchchirappalli. Dort steht ein riesiger Vishnu-Tempel, dessen Reiz fuer uns darin lag, dass man sich durch 7 Tore/ Ringe in die Mitte vorarbeitet. Trichy, wie die Stadt hier allgemein abgekuerzt wird liegt in Tamil Nadu, einem Nachbarstaat von Karnataka. Ich hatte durch meine Zug-Erfahrungen mit Madikeri irgendwie die vage Hoffnung, dass die Zuege fuer 10 Stunden Fahrten irgendwie anders sind. Vielleicht ein kleines bisschen luxurioeser. Hm, sind sie nicht... Nachdem wir einige Zeit lang das bunte Treiben auf dem Hauptbahnhof Bangalore betrachtet hatten haben wir unseren Zug gesucht und unsere reservierten Schlafplaetze. Die Schlafwagen haben keine durch Tueren abgegrenzten Abteile. Auf der einen Seite sind Liegen in Fahrtrichtung, auf der anderen Seite des Ganges sind die Plaetze quer zur Fahrtrichtung. Immer 3 uebereinander. Waehrend die mittlere tagsueber heruntergeklappt ist, so dass sie fuer die auf der unteren Liege Sitzenden die Ruecklehne bildet, sind die obersten Liegen immer in Schlafposition. Wir hatten die obersten Liegen reserviert. Diese haben den grossen Vorteil, dass man relativ ungestoert ist, da man sich in grosser Hoehe befindet. Zu den an der Decke haengenden Ventilatoren hat man ein sehr enges Verhaeltnis, was vor allem wegen der Temperaturen ebenfalls ein grosser Vorteil ist. Nachteil dieser Plaetze ist, dass man keine Moeglichkeit hat zu sitzen und von den natuerlich offenen Fenstern nichts mitbekommt. Wir sind also sofoert auf unsere Liegen geklettert und haben es uns gemuetlich gemacht. Gemuetlich ist in diesem Zusammenhang wirklich nur so eine Redensart. Die Liegen sind hart und schmal, der Zug unglaublich laut, nebenbei hupt er staendig und durch die Anzahl der Reisenden die sich durch die Gaenge draengeln ist wird die gesamte Fahrt etwas- hm- ich wuerde es als unruhig bezeichnen. Ich glaube wir haben zusammengerechnet ungefaehr 5 Stunden geschlafen. Das Ganze wurde noch dadurch erschwert, dass man nach ca. 1 Stunde durch die Temperaturen auf den Liegen festklebte... Morgens um sieben, als an Schlafen wirklich nicht mehr zu denken war hielt der Zug auf offener Strecke und wartete dort auf einen entgegenkommenden Zug. Ca. 1 Stunde lang. Irgendwann ging es dann aber weiter und wir erreichten schon am morgen total erledigt Trichy. Die 1-Mio. Stadt begruesste uns mit Temperaturen ueber 30 Grad, morgens um neun Uhr. Nach einem sehr indischen Fruehstueck in einem noch sehr viel indischeren Restaurant ergatterten wir eine Riksha und machten uns an unser Tagesprogramm. Die Rikshas in Trichy haben keine Taxameter und vor allem auch keine Hupen. Stattdessen ist neben der Scheibe vorne eine grosse Troete festgemacht, so wie sie frueher gerne mal an Kinderfahrraedern angebracht waren. Mit so einem Gummiball zum drauf druecken. Ausserdem haben die Rikshas in Trichy offenbar ein kleines Faehnchen am Heck mit dem Worten "Skurriler Fahrgast" drauf, welches bei Bedarf ausgeklappt wird. Wirklich JEDER der uns ueberholte warf einen Blick in die Riksha und schaute uns so fassungslos an, dass wir schon besorgt waren Unfaelle zu verursachen. Aber als wir die Riksha verliessen, am Eingang der Tempelanlage, da artete es wirklich in Stress aus. Tausende von Pilgern, Bettler, Andenkenverkaeufer, Menschen, Menschen, Menschen starrten uns an, stellten sich uns in den Weg, noetigten ihre Kinder uns die Hand zu schuetteln, liessen sich nicht abschuetteln, fassten uns an, bettelten und guckten verwirrt. Wir kaempften uns durch das Gewimmel, schwitzen, schuettelten hunderte Kinderhaende, und erreichten endlich irgendwann den 4. Ring, an welchem man seine Schuhe ausziehen muss. Im Tamil Nadu sprechen nur wenige Menschen Englisch. Auch mit Hindi haette man keine guten Chancen gehabt. Tamil ist die Sprache der Wahl. Interessanterweise sprechen aber wohl einige Leute deutsch. Als wir unsere Schuhe abgaben und dann eine recht hohe "Camera Fee" fuer unsere Kameras zahlen mussten, fiel der Satz: "Wetten, dass nur wir das zahlen muessen?" Der junge Mann an den wir die Gebuehren zahlten fing lauthals an zu lachen... Na gut, wir zahlten also brav unsere Gebuehren und gingen barfuss weiter in den heiligen Teil des Tempels. Waehrend ich einige Fotos machte kam ein Pilger zu mir und bat mich von ihm ein Foto vor einem der Tempeltore zu machen. Nach und nach kamen immer mehr seiner Freunde dazu und am Ende fiel die Bitte, ihm Abzuege zu schicken. Er schrieb mir seine Adresse auf und ich versprach seiner Bitte nachzukommen. Waehrenddessen hatte meine Schwester Gesellschaft bekommen. Ein Mann erklaerte ihr, dass das Heiligste des Tempels gleich schliessen wuerde (?), genau genommen in den naechsten 20 Minuten, und dass wir aber einen Fuehrer bezahlen koennten, mit dem wir dann trotzdem in die inneren Ringe gehen duerften. 20 Minuten spaeter waren wir mit unserem Begleiter dort angekommen, wo man den Eintritt bezahlt. Ein weiterer Mann kam auf uns zu und erklaerte, dass das Heiligste in 20 Minuten schliessen wuerde. Er fuehrte uns durch eine kleine Gittertuer auf eine Treppe, von wo aus wir das goldene Dach des Heiligten sehen konnte. Nachdem wir minutenlang Fotos gemacht hatten kam er naeher und erklaerte uns mit verschwoererischen Blicken folgendes: In 20 Minuten wuerde der Tempel schliessen, dann kaeme man nur noch hinein, indem man den Brahmahnen sehr viel Geld zahlen wuerde. Er hingegen, ein angestellter Fuehrer in dem Tempel wuerde uns zu dem "Government-Price" durch den Tempel fuehren. Wir muessten uns aber schnell entscheiden- wie gesagt, 20 Minuten. Nachdem nun schon einge Mal die 20 Minuten verstrichen waren engagierten wir ihn. Natuerlich war das ein abgekartetes Spiel- als ob ein Tempel schliessen wuerde... Die verschwoererischen Blicke und die Geheimnistuerei waren jedoch sehr amuesant. Wir hatten die Hoffnung mit einem Fuehrer an unserer Seite wirklich Interessantes zu erfahren, und vor allem hofften wir, dass wir so wenigstens ein bisschen Ruhe vor den vielen Menschen haben wuerden. Fairerweise bot er uns noch an am Ende der Fuehrung zu bezahlen- falls es uns nicht gefallen sollte.
(Der Blick auf die ersten drei Tore von oben)
(Das goldene Dach)
(Unglaublich schoen)
Die Fuehrung war gut, in etwas ueber einer Stunde erfuhren wir die Geschichte des Tempels und viele interessante Dinge ueber den Hinduismus. Wir liessen uns vom Tempelelefanten segnen, schuettelten wieder unzaehlige Haende, liessen uns fotografieren und wurden, nachdem wir den Preis bezahlt hatten wieder in das Gewimmel entlassen.
(Der Tempelelefant)
Inzwischen waren die Temperaturen noch hoeher und das heraus kommen aus den Tempelringen wurde zum anstrengenden Spiessrutenlauf. Wir waren froh, als wir endlich wieder in einer Riksha sassen und das Fort Rock ansteuern konnten. Fort Rock ist eine Tempelanlage die auf einem Felsen liegt. Leider befindet sich dieser Felsen inmitten der sehr lebhaften Stadt. Kaum aus der Riksha ausgestiegen befanden wir uns wieder im Gewimmel und wirklich jeder suchte unsere Aufmerksamkeit- Bettler, Andenkenverkaeufer und jeder Strassenhaendler, der irgendetwas anzubieten hatte. Und der gesamte Rest guckte uns an. Um einmal kurz durchatmen zu koennen suchten wir uns zunaechst ein klimatisietes Restaurant in welchem wir warme Cola tranken und besichtigten zunaechst eine Kirche. Hinter dieser Kirche befand sich ein christliches College mit einem angeschlossenen Park. Welch eine Ruhe... Nachdem wir etwas durchgeatmet hatten machten wir uns auf den Weg zurueck in die Menschenmassen um Fort Rock anzusehen. Irgendwann, nach vielen, vielen Stufen waren wir oben.
(Trichy von oben)
Da wir beide langsam am Ende unserer Kraefte waren stiegen wir recht bald wieder hinunter und suchten eine Riksha zum Bahnhof. Wir hatten noch recht viel Zeit bis unser Zug fuhr, aber wir wollten uns lieber ein halbwegs ruhiges Plaetzchen suchen und auf den Zug warten als noch laenger in dieser Stadt durch das Gewimmel zu wandern. Eine fast schlaflose Nacht, die Menschenmassen und die hohen Temperaturen forderten langsam ihren Tribut. Wir kauften etwas zu essen, suchten uns eine leere Mauer und sassen einige Zeit einfach nur da. Als es endlich Zeit war zum Zug zu gehen, hatte sich die leere Mauer um uns herum langsam aber sicher zu einer ueberfuellten Mauer gewandelt, und wir waren wirklich froh, dass wir nun bald wieder nach Bangalore fahren konnten.Voellg erschoepft warteten wir dann am Bahnsteig und freuten uns auf die Aussicht in den Zug steigen zu koennen. In der Nacht schliefen wir tatsaechlich ein. Morgens um kurz nach vier kamen wir in Bangalore an und erreichten meine Wohnung, und damit auch endlich eine Dusche, saubere, sich nicht bewegende Betten an denen man nicht festklebt und Ruhe...
