Mittwoch, 21. April 2010

Geburstag in Gokarna

Donnerstag abend ging es los. Ich wollte meinen Geburtstag unbedingt am Meer verbringen, und da aus dem eigentlich geplanten Malediventrip nichts geworden ist haben wir ueberlegt stattdessen einen indischen Strand zu waehlen. Da ich nun schon einmal in Goa war und Anfang Mai noch mal dorthin fahre, wenn auch an einen anderen Ort, dachten wir, dass das als paradiesisch und ruhig beschriebene Gokarna ein gutes Ziel darstellt. Nach einer turbulenten Busfahrt, bei der ich festgestellt habe, dass die indischen Busfahrer die besten der Welt sind, sind wir in der Naehe des Om Beach ausgestiegen. Warum die indischen Busfahrer so gut sind? Weil ich es hoffe und ansonsten nachtraeglich Angst bekommen koennte :-)
Niemand sonst kann mit einem Bus voller zunaechst noch schlafender Menschen so rasant auf zwei Raedern schleudernd 2 Stunden lang durch die Serpentinen buegeln, dabei den linken Fuss neben dem Lenkrad parken und unbekuemmert pfeifend so entspannt sein. Ich war es nicht. Ich musste mich auf meiner Einerpritsche mit beiden Haenden festhalten um nicht andauernd gegen das Fenster geschleudert zu werden. Diese unsanfte Art geweckt zu werden ermoeglichte mir jedoch einen Blick auf den tiefen Urwald der langsam im daemmernden Morgenlicht auftauchte. Indien hat eine so unfassbar beeindruckende Natur, das habe ich vorher nicht erwartet. Schade, dass den Indern jegliches Umweltbewusstsein so fehlt. Mitten im Urwald ganz ploetzlich eine Minisiedlung. 3 Haeuser, frueh arbeitende und erntende Menschen, ein paar Hunde und Kuehe und am Ende der Minisiedlung, direkt am Neubeginn des Urwalds- ein Riesenhaufen Plastikflschen... Ich finde das sehr schade. Und ganz ploetzlich weiss ich das nun wirklich urdeutsche Einwegflaschenpfand zu schaetzen. Das ich das mal sagen wuerde haette ich auch nicht erwartet :-)
Nun, wir stiegen dann irgendwann aus und fuhren mit einer Riksha, die praktischerweise nicht mal ein Taxameter hatte, fuer einen sehr guenstigen (*hust) Festpreis zum Om Beach. Ich hatte ja schon mehrfach erwaehnt, dass hier alles sehr relativ ist. Und der Weg zum Om Beach, der, um den Fahrpreis zu rechtfertigen mit 8 km angegeben wurde war im Ergebnis dann etwa 2,5 km lang. Egal, ich bin morgens immer noch nicht in der Verfassung mich zu streiten und so nahmen wir es hin. Was mich dabei am meisten nervt ist, dass, kaum hat der Bus gehalten, die Rikshafahrer, egal wo man ist, IN den Bus kommen um den verschlafenen Fahrgaesten ihre Dienste anzubieten. Hm, braucht man in Bangalore dringend eine Riksha bekommt man keine, will man erstmal 5 Minuten durchatmen und wach werden, dann zieht man die Fahrer an wie Honig die Fliegen. Dann haben sie eben Pech wenn ich unhoeflich bin. Wenigstens aussteigen lassen koennten sie mich doch bitte bevor wir in wilde und meistens sinnlose Preisverhandlungen verfallen.
Der Om Beach ist wunderschoen. Zwar ist es auch hier kein so karibisches Traumstrandfeeling wie ich es gehofft hatte, aber schoener als der Arambol Beach in Goa ist er allemal. Wenige Resorts mit provisorischen Bambushuetten und angeschlossenen Restaurants, wenig besucht, besonders in dieser Jahreszeit (es ist einfach zu warm) und vor allem erstaunlich sauber.
Nach einem sehr entspannten Tag mit schwimmen und essen und duschen und schwimmen und lesen habe ich dann in meinen Geburtstag in einer Bambushuette hineingeschlafen. Letztes Jahr habe ich meinen Geburtstag auf einem Seminar verbracht und habe mit Menschen gefeiert die ich keine 24 Stunden kannte. Auch das war nett. Dieses Mal hatte ich A. und J., meine Begleitungen wenigstens schon 2-4 mal in meinem Leben gesehen :-)
Am naechsten Morgen kam K. dann hinterher und zum Geburtstagsfruehstueck gab es tatsaechlich Geschenke. Danke!
Nach einem Bad im lauwarmen und sehr, sehr ruhigen Ozean sind K. und ich dann,wie sollte es anders sein, wandern gegangen. Wir wollten zum Kudle Beach und zum Gokarna Beach. Das war sogar ausgeschildert. Aber der Weg direkt an der Kueste entlang sah so viel schoener aus. Und es kam wie es kommen musste- wir haben kollektiv schnell beschlossen die Kameras wegzupacken weil wir wirklich saemtliche Haende brauchten die wir hatten. Freeclimbing, nasse Felsen hoch, die schaeumende See tief unter einem. Und in Flipflops... Es war sehr aufregend. Wir haben beschlossen einen Reisefuehrer zu schreiben. "Wandern in Suedindien fuer Anfaenger. In Flipflops." Nach einem sehr anstrengenden Weg wieder mal mitten durch die Botanik am steilen Kuestenfelsen entlang gelangten wir auf ein total schoenes kleines Plateau auf dem sogar eine Huette stand. Es war aber niemand in Sicht, nur eine Strasse in weiter Ferne. Da wir uns sehr einig waren, dass wir ab jetzt unseren Fokus mal auf ordnungsgemaesse Wege lenken wollten strebten wir also darauf zu und kamen an ein grosses Metalltor neben dem jemand schlief. Wir schlichen uns durch das Tor und entdeckten auf der anderen Seite ein "Betreten Verboten"-Schild. Naja, nun war es ja eh egal. Wir glauben uebrigens beide ganz fest, dass das Anwesen Sting gehoert.
Den Kudle Beach erreichten wir dann ganz unspannend ueber normale Wege und waren froh endlich mal wieder in einer schattigen Huette sitzen zu koennen. Wir kauften uns ein paar Halsketten und sind dann gemeinsam mit den Kettenverkaeufern zum Gokarna Beach gegangen. Die beiden haben irgendwann angefangen einen Baum wie verrueckt mit Steinen zu bewerfen, und immer wenn dieser dann aufgrund dieser Uebermacht einige Fruechte abwarf, bekamen wir diese angeboten. Ich habe keine Ahnung was wir da gegessen haben, aber lecker war es. Gokarna Beach ist nicht schoen und sehr ueberfuellt, aber das Doerfchen Gokarna selber ist ganz toll. Klein, wuselig, voller Pilger und mit wieder einmal ausgesprochen netten Leuten. Wir wurden fotografiert, haben sinnlosen Kram gekauft und sind dann, weil es leider schon dunkel wurde mit einer Riksha zum Om Beach zurueck. Ich wollte doch soo gerne mit einem dieser kleinen Fischerboote fahren...
Wir haben dann am Om Beach in einem Restaurant zu viert gegessen und ganz gepflegt aus meinem Geburtstag herausgefeiert. Dann passierte leider etwas sehr Unschoenes. Da es nach 24 Uhr war zaehle ich es mal nicht zu meinen Geburtstagserlebnissen.
Ein aelterer, sehr betrunkener Inder nervte uns extrem, gab keine Ruhe, wollte sich immer wieder zu uns setzten und stuetzte irgendwann die Haende auf unseren Tisch und starrte uns minutenlang an. Als wir ihn dann baten uns in Ruhe zu lassen (wir waren wirklich hoeflich, ich schwoere), rastete er ganz ploetzlich total aus. Ich werde hier nicht wieder geben was er uns an den Kopf warf, aber ihm brannte definitiv eine Sicherung durch. Da ich um unsere Sicherheit fuerchtete ging ich in das Restaurant und bat um Hilfe. Der junge, etwas sprachbehinderte Sohn des Gastwirts hatte das Ganze beobachtet und drueckte mir einen Holzknueppel in die Hand!!! Also sowas. Was soll ich denn bitte damit? Das war mit Abstand die absurdeste Situation die ich hier bisher erlebt habe. Ich habe den Knueppel trotzdem mitgenommen, immerhin hatten wir auch noch den Rueckweg ueber den stockfinseren Strand vor uns. Ich haette ihn ja vielleicht durchbrechen koennen um etwaige Boese durch Laerm zu verscheuchen.
Als der Restaurantbetreiber, der wohl gemeinhin als sehr diplomatisch und freundlich bekannt ist, den Mann dann zur Ruhe bringen wollte ist irgendetwas passiert.
Offensichtlich hatte der Mann schon die ganzen letzten Tage insbesondere die 'weissen' Restaurantgaeste angepoebelt, belaestigt und ins Laecherliche gezogen. Die Situation mit uns war dann nur noch der sprichwoertliche Tropfen.. Der Restaurantbetreiber, der naturgemaess auf Touristen angewiesen ist hat sich dann mit dem volltrunkenen Mann auf Kannada gestritten. Und dabei hat der Mann dann wohl noch die Sprachbehinderung des Kleinen angegriffen. Und daraufhin artete das Ganze in einer furchtbaren Schlaegerei aus. Angeblich ist nichts Schlimmes passiert aber es war ganz furchtbar den Lauten einer Schlaegerei im Dunkeln zu lauschen, in die der Kleine dann auch noch mit einer leeren Bierflsche bewaffnet eingreifen wollte. Davon konnten wir ihn gottseidank abhalten. Ich habe mich in dieser Situation ganz elend gefuehlt, auch wenn ich weiss, dass wir keine Schuld daran hatten.
Ich habe daraufhin mal angefangen mich mit dem Gedanken zu befassen was mit behinderten Menschen hier eigentlich so passiert. Die bisherigen Ergebnisse sind sehr dunkel und traurig und ich werde mich an anderer Stelle weiter damit befassen.

Indien ist fuer mich immer noch ein liebenswertes Land mit freundlichen Menschen aber in Sachen Menschenwuerde muss, auch wenn schon ein Stueck Weg zurueckgelegt ist, noch ein Marathon gelaufen werden!
Und ich stelle fest, dass jede wirklich unagenehme Situation in die ich hier geraten bin immer mit extremem Alkoholkonsum zu tun hat. Warum muessen die Leute denn gleich immer so uebertreiben, dass sie sich entweder beim lauten Singen uebergeben oder ernsthaft eine Sicherung durchbrennt?

Am Sonntag sind wir mit einem Fischerboot (juhu) wieder zum Gokarna Beach gefahren um nach einem Essen in einem Rooftop-Restaurant unseren Schlaf- Bus nach Hause zu erwischen. Und dieses Mal waren wir Montagmorgen sogar alle 4 puenktlich bei der Arbeit :-)
Gokarna ist ein liebeswertes, wuseliges Doerfchen mit schoenen Straenden und grandioser Natur und auf jeden Fall einen Ausflug wert.
Naechstes Wochenende werden wir zur Abwechslung mal in die Berge fahren. Das duerfte aufgrund der Temperaturen mal deutlich angenehmer sein. Es ist naemlich wirklich anstregend, wenn man nach dem Duschen, kaum wieder angezogen, schon wieder klatschnass geschwitzt ist. Aber ich will mal nicht meckern. Ich werde dieses Jahr den laengsten Sommer meines bisherigen Lebens haben, auch wenn der mitteleuropaeische eventuell durch die Aschewolke etwas kuehler sein wird. Aber dann habe ich schliesslich 3 Monate ueber 30 Grad hinter mir. Ich werde es also verkraften :-)


P.S. Fotos folgen spaeter, mein Akku war leer und ich muss die Fotos der anderen noch besorgen.