Donnerstag, 22. April 2010

Glitzer, Bommel und ein alter Mann

Der Praktikant bei uns im Buero hat mich heute gefragt, ob ich mich schon auf zu Hause freue. Heute bin ich genau 8 Wochen hier und kann ueberhaupt nicht fassen wo die Zeit hin ist. In genau 6 Wochen bin ich schon seit gestern wieder zu Hause.
Ob ich mich auf zu Hause freue?
Ich freue mich auf meine Familie, meinen Freund und meine Freunde. Und auf mein Leben zu Hause, welches so ganz anders ist als hier. Ich vermisse meine Katze. Und noch ein paar Kleinigkeiten wie gescheiten Kaffee zum Beispiel. Hier wird Kaffee angebaut, aber man bekommt immer nur Nescafe zu trinken. Ich kann das Zeug nicht mehr sehen. Wenn ich nicht so auf Koffein angewiesen waere, dann wuerde ich nur noch Tee trinken. Schmeckt besser.
Aber was lasse ich hinter mir wenn ich wieder nach Deutschland fliege? Ich tausche dann ein kunterbuntes gegen ein trist einheitsfarbenes Land ein. Hier bluehen bunte Baeume in den verschiedensten Farben, kein Sari hat die Farbe eines anderen, sogar die Haeuser sind bunt. Sehr witzig finde ich ja auch den Hang der Inder zum Kitsch. Besonders deutlich wird das bei den Fahrzeugen hier. Die Reisebusse haben alle ueber dem Fahrersitz einen kleinen Schrein installiert. Da sitzt dann eine hoelzerne Abbildung einer Gottheit und wird vor Fahrtantritt teilweise von einem waschechten Brahmanen mit Feuer und Gloeckchen und Raeucherstaebchen um eine sichere Fahrt gebeten. Was auch dringend noetig ist bei der Fahrweise der Busfahrer. Dann haengen an dem Schrein Blumenketten und Licherketten die teilweise recht hektisch blinken. In bunt. Man wird ganz tueddelig wenn man da laenger hinsieht. Super finde ich ja auch die LKW hier. Ich glaube LKW-Fahrer in Indien ist kein schoener Job. Dafuer gestalten die Leute die LKW umso schoener. Rund ums Fahrerhaeuschen gibt es kleine hoelzerne Balustraden, oft in rot. Jeder LKW faehrt mit einem gross geschriebenen Namen ueber der Windschutzscheibe herum, ob das Goetternamen oder die der Fahrer oder von den LKW sind, dass weiss ich nicht. Ueberall an den Fahrerhaeuschen haengen bunte Bommel oder Zitronenscheiben mit Chilischoten dran. Einfach nur so, weils huebsch ist :-) Und wahrscheinlich bringt es auch Glueck.
Auch Autos haben hier sehr oft am Kuehlergrill oder Seitenspiegel irgendetwas herumbaumeln, meistens bunte Bommel und Troddel. Am Rueckspiegel haengt auch schon mal eine Minilichterkette die blinkt und die Farben wechselt. 27 Mal. Aber am allertollsten sind die bunten Gluehbirnen die, natuerlich auch blinkend und die Farbe wechselnd, so ziemlich ueberall da am Fahrzeug sind, wo keine andere Lampe notwenig ist. Manchmal auch anstelle der Notwendigen. So als Scheinwerfer machen die sich auch ganz huebsch. Ineffektiv, aber huebsch. Sogar die Rikshas sind alle individuell gestaltet. Mit Glitzer und je nach Glauben des Fahrers auch mal mit Abziehbildern von Gottheiten auf der Scheibeund einem Raeucherstaebchen am Fahrersitz. Hm, und ich fahre ein dunkelblaues Auto. Einfach nur dunkelblau. Ich sollte einen bunten Bommel an den Kuehler haengen oder eine Zitronenscheibe mit Chilischote. Ist bestimmt auch gut gegen Marder. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass irgendein Trottel das abreissen wird...

Wenn ich nach Hause fliege, tausche ich wahnsinnig freundliche und hilfsbereite Menschen gegen ein Volk, welches sich eigentlich nicht um andere kuemmert.
Wenn man hier jemanden nach dem Weg fragt bekommt man IMMER eine Antwort. Zwar meistens nicht die richtige, denn ein Inder kennt das Wort ‚Nein‘ irgendwie nicht, aber irgendwie zaehlt ja der Gedanke. Also schickt man den armen Fragenden lieber in eine voellig verkehrte Richtung als zuzugeben, dass man den Weg nicht weiss. Achtundfuenfzigste Regel fuer Indien: Immer mindestens 5 Leute fragen und dann den Weg gehen, der die haeufigste Trefferquote hat. Dann hat man eine fast reelle Chance ans Ziel zu kommen. Angeblich seien die Sikhs diejenigen, die einem einen Weg am ehesten sagen koennen. Warum weiss ich nicht. Obs stimmt weiss ich auch nicht. Aber sie sind leicht zu erkennen. Die Sikhs tragen Turbane. Ich habe uebrigens herausgefunden, dass Sikhs beim Motorradfahren eine Sondererlaubnis fuer die Turbane haben und daher von der Helmpflicht befreit sind. Ich sage doch „Helm“ wird hier frei interpretiert.
Neulich, nachts, beim Rikshafahren sind wir an einem Unfall vorbeigekommen. Eine Frau war mit ihrem Motorrad umgefallen. Und ihr tat das Bein weh. Es war aber nicht so schlimm. Jeder, aber wirklich jeder Rikshafahrer hielt an. Nicht, dass man gross haette helfen koennen, aber sie haben zumindest eine grosse Anteilnahme gezeigt und die Frau konnte in Gesellschaft von 25 fachsimpelnden Leuten verschiedensten Alters und Glaubensrichtungen auf die Ambulanz warten. Das war doch irgendwie nett.

Wenn ich wieder nach Hause fliege, dann tausche ich ein Volk, welches immer strahlend oder auch mal schuechtern zurueck laechelt gegen ein Volk, welches auf Anlaecheln eher irritiert reagiert. Aber dafuer habe ich dann wieder die Freiheit in Traegertops Tampons zu kaufen ohne jemandem die Schamesroete ins Gesicht zu treiben.

Wenn ich wieder nach Deutschland fliege, dann bin ich wieder in einem Land in dem fast jeder irgendetwas zu meckern hat. (Ich kann das allerdings auch.) Man beschwert sich ueber alles. Zuwenig Freizeit, bloeder Job, zu wenig Geld. Irgendwas ist immer. Vor allem das Geld, also das, was grundsaetzlich immer zuwenig ist, spielt eine Riesenrolle. Meistens sind das Leute, die sich selber nicht aufraffen um an ihrer Situation irgendetwas zu aendern. Die haben mich immer schon genervt. Aber nun ist das glaube ich noch schlimmer geworden.
Denn hier, in diesem Land mit mehreren hundert Millionen (!) Arbeitslosen , die sich ohne staatliche Hilfe irgendwie durchschlagen muessen gibt es diese kleinen Geschichten. Die Geschichte von dem alten Mann an der Kreuzung zum Beispiel. Es gibt eine Strasse hier in Bangalore, die endet an einer T-Kreuzung. Ich komme morgens immer geradeaus darauf zugefahren. Und die kleine Strasse die nach rechts fuehrt ist die, die anscheinend jeder entlang muss. Das Dumme daran ist, dass es 1. gar keine offizielle Strasse ist, 2. geht es auch noch sehr steil runter, 3. ist das Ding einspurig und 4. gibt es Gegenverkehr. Man kommt da also angefahren und durch ein Gebaeude auf der rechten Ecke sieht man wirklich nichts. Und an jedem einzelnen Tag an dem die Sonne aufgeht steht dort an der Kreuzung ein alter Mann und regelt den Verkehr. Er ist weder Polizist noch wird er dafuer offiziell bezahlt. Ich weiss aus zuverlaessiger Quelle, dass er das schon seit ueber 4 Jahren macht. Damals muss er sehr schlimm ausgesehen haben- Alkohol, Arbeitslosigkeit und bittere Armut haben wohl sehr an ihm gezehrt. Und dann hat er beschlossen den Verkehr zu regeln. Und nun steht er da, an jedem verdammten Tag in der prallen Sonne, seit ueber 4 Jahren und lotst die Fahrzeuge durch die Engstelle. Und jeder tut was er sagt. Und „once in a while‘ stecken ihm die Fahrer etwas Geld zu. Und bei ungefaehr 2,1 Mio (!) Fahrzeugen in Bangalore von denen sehr viele durch diesen Engpass muessen, gibt es dann doch so viele „once in a whiles“, dass sich sein Engagement lohnt. Er traegt saubere Kleidung, wirkt gepflegtund gesund, hat in einem Rucksack immer Wasser und Essen dabei und laechelt jeden freundlich an. Jeden Morgen freue ich mich ihn zu sehen.
Ob ich mich auf zu Hause freue? Das ist keine Frage auf die man einfach so antworten kann. Ich vermisse einige und einiges, manche(s) sogar sehr, aber ich werde hier auch einige und einiges vermissen. Ich habe dieses Land irgendwie lieb gewonnen. Es sind grosse Geschichten hier, die mich erschrecken und sehr nachdenklich machen, was ja auch nicht unbedingt verkehrt ist. Und es sind die kleinen Geschichten und die bunten Bommel und das strahlende Laecheln der Menschen und die einen treu bei Strandspaziergaengen begleitenden Hunde und die einen Baum bewerfenden Andenkenverkaeufer die einem die erbeuteten Fruechte schenken und noch so vieles mehr, was dieses Land so zauberhaft macht.