Donnerstag, 8. April 2010

Goa I

Am Gruendonnerstag sind K. und ich mit einem Semi Sleeper Bus nach Goa gefahren. Nachdem ich mit einem Rikshafahrer, der offensichtlich sehr gute Laune hatte und nebenbei, zumindest vermute ich das, etwas tief ins Glas geschaut hatte in Schlangenlinien und unter lautem Gesinge seinerseits in Gandhinagar ankam, stellte sich das erste Problem an diesem Wochenende. Da offensichtlich die gesamte Bevoelkerung von Bangalore beschlossen hatte an diesem Wochenende zu verreisen und dieser Stadtteil anscheinend der Sammelplatz fuer saemtliche Buslinien ist, fand ich K. nicht. Es ist absolut unglaublich was fuer Menschenmassen nachts um elf mit Reisetaschen die Strassen fuellten. Mein ausgesprochen hilfreicher Rikshafahrer hat dann aber gegen den kleinen, natuerlich nicht abgesprochenen Aufpreis von 10 Rupien fleissig geholfen den richtigen Abfahrtpunkt zu finden. Somit fand ich auch K. Und waehrend ich noch ueberlegte was eigentlich genau ein Semi Sleeper Bus ist, traf eben dieser ein. Einen Semi Sleeper Bus zeichnet aus, dass er keine Liegen, sondern zurueckstellbare Sitze hat. Dafuer hatten wir eine Klimaanlage, die auf ca. -10 Grad eingestellt war. Und noch etwas zeichnet einen Semi Sleeper aus- man kann nur semigut darin schlafen. Unser Busfahrer trug durch eine ausgesprochen optimistische Fahrweise dazu bei, dass semigut noch euphemistisch war. Die vom Busunternehmer auf froehliche 12 Stunden angesetzte Fahrt, die bei anderen Unternehmen 14 Std dauert sollte wohl auf Teufel komm raus eingehalten werden. Und so jagten wir auf 2 Raedern durch die Serpentinen der Berge, froren und kamen erstaunlicherweise tatsaechlich nach 12 Stunden in Panjim an... Wir hatten uns entschlossen die beruehmten Straende zu vermeiden, an denen sich laut Reisefuehrern und Erzaehlungen anderer die Urlauber der gesamten westlichen Hemisphaere aufhalten sollten. Uns stand der Sinn nicht nach drogenlastigen Raverparties- wir wollten das alte Goa finden. Also fuhren wir in 2 verschiedenen oeffentlichen Bussen nach Arambol- einem Strand im Norden.
Wir fanden genau wie es geplant war eine Bambushuette mit Toilette und Dusche und STROM fuer 300 Rupien die Nacht. Was soll ich sagen- 50 Meter von der Wasserkante entfernt, das milde Rauschen des indischen Ozeans im Ohr, ein Blick auf die unendlichen Weiten des Wassers und mit einem Service, der einem die Getraenke an die Standliegen bringt... Die erste Amtshandlung war natuerlich in die Bikinis zu huepfen und sich im Ozean abzukuehlen. Pustekuchen, bei einer Wassertemperatur von 28Grad ist da nicht all zu viel Abkuehlung. Aber toll war es trotzdem. Ausserdem war es einfach grandios mal leicht bekleidet herum laufen zu duerfen. In Goa darf man das.



(Der Blick aus der ‘Haustuer’)



(Umgerechnet 5 Euro pro Nacht fuer eine Huette mit Pflanze)

(Exkurs :-): Indien ist kein Land, in welchem man oder besser Frau unproblematisch in kurzen Sachen herum laufen kann. Da ich mich bisher hartnaeckig geweigert habe indische Kleidung zu kaufen, trage ich tagsueber meistens Jeans und T-Shirt. Ich bin selber schuld- ich bin nunmal der Ansicht, dass Toleranz in beide Richtungen gelebt werden sollte. Ich provoziere niemanden indem ich Hotpants oder schulterfrei trage, aber ich finde, dass, wenn ich jeden akzeptiere wie er ist, ueberall auf der Welt, ich mich nicht verkleiden muss. Mal abgesehen davon, dass ich in einem Sari vermutlich noch mehr angestarrt wuerde und jede noch so indische Kleidung nicht vertuschen koennte, dass ich blass und blond und damit exotisch bin finde ich, dass Jeans und T-Shirt eine angemessene Kleidung sind. Also geissel ich mich im alltaeglichen Stadtleben selber und schwitze mich aus purem Trotz halbtot, waehrend die Damen in den luftigen Saris und Salwaar Kameez der Hitze ganz anders gegenuebertreten koennen. Auch ist Indien kein logisches Land. Waehrend hier in vielen (maennlichen?) Koepfen die Auffassung herrscht, dass alle „Westler“ immer und ueberall der freien Liebe froehnen und viele Frauen, nicht nur die europaeischen, sich mit staendigem angefasst werden herumplagen muessen (ich, hurra, noch nicht), sind die Leute hier selber unfassbar gestoert was Sexualitaet und alles drumherum angeht. Im Musikfernsehen laufen Musikvideos in denen die Damen dermassen leicht bekleidet sind, dass Madonna, Christina Aguilera und Lady Gaga dagegen zuechtig verhuellt wirken, auf der anderen Seite ist das Frauenbild hier teilweise extrem verstaubt und man treibt man Verkaeuferinnen die Schamesroete ins Gesicht, wenn man in einem Supermarkt nach Tampons fragt. Ich begreife das nicht. Auf alten Wandgemaelden und in alten Tempeln sieht man Szenen, die wiederum mir die Schamesroete ins Gesicht treiben koennten... Was ist hier in den letzten Jahrhunderten bloss passiert?? Weiterhin sind hier doch sehr viele Leute um eine gute Ausbildung bemueht, und diejenigen, die eine solche Ausbildung geniessen durften sind erstaunlich gut allgemeingebildet, trotzdem erlebt man hier immer wieder sehr irritierende Situationen. Sehr haeufig, wenn das Wort „Deutschland“ faellt wird einem ein gut gelauntes: “Oh, Germany, good, good. Nice people, Hitler, very good, nice...“ entgegentrompetet, und in einem Wachsfigurenkabinett hier in Bangalore sitzt die Figur Hitlers direkt neben Nelson Mandela... Zudem wird man mit so verdrehten „Tatsachen“ konfrontiert, dass Hitler den VW Kaefer eigenhaendig gezeichnet und so erfunden habe. Auf vorsichtige Korrekturversuche meinerseits wird dann unglaeubig geguckt und auf die eigene Variante beharrt. Aber in vielen anderen geschichtlichen Dingen wissen die Menschen erstaunlich gut Bescheid und auf die Demokratie hier ist man im allgemeinen sehr stolz. Irgendetwas laeuft hier doch schief...)


Wie auch immer- nach einem Bad im erstaunlich ruhigen Ozean, dessen hier liegender Teilbereich arabisches Meer genannt wird, haben wir uns die Shoppingstrasse angesehen. In Goa kann man Goahosen kaufen. Eine Goahose ist eine Art Pluderhose, deren Schritt aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gruenden irgendwo zwischen den Knoecheln herumbaumelt. Da ich wirklich Sorge hatte einem Hitzschlag zu erliegen, meine Ansichten ueber die Notwendigkeit indischer Kleidung aber nicht einfach so kampflos aufgeben wollte und diese Goahosen gruselig finde, habe ich versucht einen Kompromiss zu finden. Ich habe eine normal geschnittene, lange Stoffhose gekauft.



(Shopping)

Nach einem tollen Abendessen und einer angenehmen Nacht mit Meeresrauschen im Ohr sind K. und ich am naechsten Morgen, wie sollte es auch anders sein, zu einem grandiosen Entschluss gekommen. Anstatt uns einfach mal faul am Strand zu erholen beschlossen wir die Straende der Umgebung anzusehen. Wir sind am wirklich hohen Steilhang entlang durch die Buesche gekraxelt, mehrfach beinahe abgestuerzt, haben uns durch Dornen und Schlingpflanzen gekaempft und sind irgendwann mittendrin zu einem ausgesprochen spontanen Rueckzug gezwungen worden, als wir uns ploetzlich einem Frontalangriff von roten Riesenameisen ausgesetzt sahen. Die Mistviecher haben definitiv auf uns gewartet und geplant angegriffen. Mitten im Gebuesh stuerzten sie sich von allen Seiten auf uns und haben gebissen was das Zeug haelt. K., ich habe doch gleich gesagt, dass das kein ordnungsgemaesser Weg ist :-)



(Ab durch die Botanik… irgendwie sieht man nicht so gut wie steil das war…)

Aber am Ende haben wir den Strand doch erreicht und haben in einer Huette die Wasservorraete der naechsten 3 Wochen aufgekauft. Linksseitig verbrannt, gebissen, zerkratzt und voellig k.o. stuerzten wir uns in Wasser und konnten nicht glauben, dass wir es geschafft hatten der gruenen „Hoelle“ zu entkommen. Neben uns sassen einige Aussteiger und guckten auf einem winzigen Schwarz-Weiss Fernseher Fussball (!) und wir traten irgendwann den unvermeidlichen Rueckweg an.



(Aussteiger beim Fussball gucken)

Goa II

Dieses Mal waren wir so klug nach dem Weg zu fragen. Nach einem extrem steilen Aufstieg fanden wir oben auf dem Steilhang ein Plateau, auf welchem man den von uns in 3 Stunden gekletterten Weg gemuetlich in 45 Minuten gehen konnte....


(Sonnenuntergang von Plateau aus, tief unten der Strand)

Nach einer extrem notwendigen Dusche suchten wir ein Restaurant auf, dessen Tische direkt am Strand standen. Zum sitzen gab eine keine Stuehle sondern Liegen. Zunaechst assen wir ein unglaublich leckeres Essen um uns dann gemuetlich zuruckzulehnen und den Sternenhimmel zu betrachten. Ich mag Goa :-)



(Liegend auf das Essen warten..)

Leider wurde in der gleichen Nacht der tolle Eindruck des Strandes gestoert, da unser Vermieter eine lautstarke Party mit seinen Freunden feierte. In einem solchen Moment ist eine Bambushuette mehr als unpraktisch- aufgrund fehlender Isolierung waren wir mittendrin statt nur dabei. Bis sechs Uhr morgens waren wir Zeugen einer sehr alkohollastigen und lauten Party die 10 m von unserer Huette entfernt stattfand. Diejenigen von euch die mich kennen werden sich sicher wundern, dass ich nicht interveniert habe. Aber ganz ehrlich- ich habe mich nicht getraut. Wir waren beide zu feige in unseren Schlafanzuegen aus der Huette zu treten und 15 volltrunkenen Maennern gegenueberzutreten um sie zu bitten ihre Lautstaerke zu reduzieren. Das haette ich wohl in keinem Land dieser Welt gewagt...wenn wenigstens Frauen auf der Party gewesen waeren...
Das war das erste Mal seit ich hier bin, dass ich mir ernsthaft deutsche Verhaeltnisse gewuenscht habe. Es waere ein Anruf bei der Polizei gewesen und wir haetten schlafen koennen. Aber so mussten wir bis sechs Uhr morgens wildes Gegroehle ertragen und dann resigniert feststellen, dass ab sieben Uhr die Temperaturen zu hoch zum schlafen sind....
Nach dem Schwimmen und dem Sachen packen wurde ich unserem verkaterten Vermieter gegenueber sehr unhoeflich und aergerte mich schwarz, dass wir im voraus bezahlt hatten. Wir brachen dann auf um aus Prinzip woanders zu fruehstuecken. Das Fruehstueck und die Aussicht versoehnten uns etwas.



(Fruehstueck mit Aussicht)

Wir brachen dann in aller Gemuetsruhe auf um in Panjim den Bus fuer die Rueckfahrt zu ergattern.



(Ein kleiner Obstbasar in Panjim)



(An der Touristensammelstelle wartet man auf den richtigen Bus)

Dummerweise haben wir feststellen muessen, dass wir auf der Hinfahrt Glueck hatten und einen Volvobus mit grosser Beinfreiheit hatten, was wohl nicht unbedingt Standard ist. Der Isuzubus fuer die Rueckfahrt war fuer so kleine Menschen ausgelegt, dass ich sogar beim normalen Sitzen mit den Knien an den Vordersitz stiess. 12 Stunden, oha. Das kann ja heiter werden. Aber es kam noch schlimmer :-)Mitten in den Serpentinen, gerade in einen semischlechten unruhigen Halbschlaf gefallen wurde ich um zwei Uhr nachts durch einen Knall geweckt und stiess zeitgleich schmerzhaft mit dem Kopf gegen die Scheibe. Panne!
Es kamen auf dieser Strasse sehr viele Busse gerade aus Goa und so hatten unsere Busbegleiter hilfreiche Unterstuetzung.
„Wie viele Leute stehen da jetzt neben dem Hinterrad?“
„Acht.“
„Was machen sie?“
„Also drei gucken nur. Zwei halten Taschenlampen und gucken auch. Und drei hocken neben dem Reifen, gestikulieren und ... gucken.“
Ich weiss immer noch nicht was genau eigentlich gebrochen war, aber die wieder auf 12Stunden angesetzte Rueckfahrt verlief nach der Panne langsamer als geplant, so dass wir nach 15 Stunden viel zu spaet in Bangalore waren und beide nach einem Zwischenstop zu Hause zu spaet zur Arbeit kamen. Aber es war nicht schlimm- in Deutschland war schliesslich Feiertag, dann wird es uns vergoennt sein nur einen halben Tag zu arbeiten.
Fazit: Goa ist toll, Idioten gibts auf der ganzen Welt, meine Kratzer heilen langsam und eines weiss ich ganz sicher: NIE WIEDER SEMI SLEEPER!