Donnerstag, 11. März 2010

Von Cowboys und Hueten

Die Sonne steht hoch am Himmel und brennt unbarmherzig auf mich herab. Die Geier kreisen über mir. In einiger Entfernung steht ein Sheriff mit weißem Cowboyhut, an einer Seite hochgeklappt, und beobachtet mich mit ausdruckslosem Gesicht. Ein leichter Windstoß wirbelt den roten Staub auf, welcher sich sanft auf die Szene niederlegt. Irgendwo in mir drin höre ich kurz einige Takte des Hauptthemas aus "Spiel mir das Lied vom Tod".
Dann ist der Bann gebrochen- ich entdecke eine Lücke zwischen den Fahrzeugen, gehe los und überquere die von den Fahrzeugführern eigenmächtig auf 5 Spuren erweiterte Einbahnstraße. Der Cowboy nimmt kaum Notiz von mir sondern konzentriert sich auf den Verkehr. Um seinen Hals hängt eine Trillerpfeife.
Trillerpfeifen sind hier übrigens sehr beliebt- hat z.B. ein Parkplatzwächter eine Trillerpfeife zur Verfügung wird diese anstelle einer verbalen Kommunikation und zur Unterstreichung der ausladenden Gesten ununterbrochen betätigt: Um auf den Parkplatz aufmerksam zu machen, um beim ein- und ausparken zu helfen, um auf sich aufmerksam zu machen...
Der Cowboy hingegen ist kein Parkplatzwächter- er ist Polizist. Aus irgendwelchen Gründen, die sich mir, wie so vieles hier nicht wirklich erschlossen haben, gehören zu einer Polizistenuniform hier ganz selbstverständlich weiße Cowboyhüte. Ich persönlich habe ja den Verdacht, dass das an den vielen Kühen hier liegen könnte, aber ganz sicher bin ich mir da nicht.
Wobei ich damit beim Thema Kopfbedeckungen angelangt bin:
Kopfbedeckungen in so vielfältiger Weise habe ich noch nirgends gesehen. Zum Teil bedeuten diese eine religiöse Zugehörigkeit, die hier so vielfältig sind, dass ich schnell aufgehört habe zu versuchen sie auseinanderzuhalten und benennen zu wollen. Aber genau so oft haben diese Kopfbedeckungen einen sehr eigenartig anmutenden Charakter. Es gibt in Bangalore offiziell eine Helmpflicht für Zweiradfahrer. Diese wird, wie so vieles hier jedoch relativ frei interpretiert. Mal abgesehen davon, dass die Helmpflicht wirklich nur für den Fahrer gilt und nicht etwa für den Mitfahrer, ist die Bedeutung des Wortes "Helm" irgendwie unklar. Man trägt Integralhelme und Halbschalenhelme, Bauarbeiterhelme und Skaterkäppis, Wollmützen, Turbane, Tücher, religiöse Kopfbedeckungen (die natürlich aus Stoff sind) inklusive Schleier, Phantasiegebilde oder einfach gar nichts. Das fällt aber kaum auf, denn meine Aufmerksamkeit wird durch anderes abgelenkt:
Zweiräder, die es hier in den unterschiedlichsten Arten gibt sind hier nicht etwa auf den Transport von zwei Personen beschränkt. Hier werden ganze Familien auf einen Roller gequetscht. 5 Personen, Säugling eingeschlossen passen auf ein solches Gefährt. Schön finde ich persönlich auch den extrem häufigen Anblick von weiblichen Mitfahrern, die in bunte Saris oder in schwarze Burkas, welche nur die Augen freilassen gehüllt sind und im Damensitz hinten auf den Zweirädern sitzen. Ohne Helm natürlich. Bei den Sari tragenden Damen weht meistens noch malerisch ein dünner, glitzernder Seidenschal im Fahrtwind...

Die oben erwähnten Geier sind natürlich keine Geier. Es sind Bussarde und Adler. Ich war mir bisher nicht darüber bewusst, dass Bussarde offensichtlich Schwarmvögel sind (hihi), das kann aber auch daran liegen, dass ich sie in so übermäßiger Anzahl noch nirgendwo gesehen habe. Und die Adler- das sind tatsächlich Adler. Neulich saß einer auf einem Baum neben dem Bürogebäude in welchem ich arbeite. Ich habe noch nie einen wildlebenden Adler aus einer solchen Nähe betrachten können. Ganzschön imposant...

Ich habe mich langsam daran gewöhnt, dass ich bei sämtlichen normalen Tätigkeiten die ich so ausübe, wie zum Beispiel irgendwo langgehen, herumstehen, einkaufen eine unglaubliche Aufmerksam auf mich ziehe. Man gewöhnt sich tatsächlich daran. Außerdem gucken die Leute ja nur. Es geht auch anders, nämlich da, wo die allein durch meine Hellhäutigkeit und Blondheit bedingte Tatsache, dass ich superreich bin wirklich anstrengende Kreise zieht. Aber davon im nächsten Post mehr.